Wie können wir ohne Worte kommunizieren?

Shownotes

Eine Demenz nimmt die Worte, aber nicht die Möglichkeit, sich begegnen zu können. In dieser Folge von "Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie" spricht Peggy Elfmann mit Dr. Astrid Steinmetz darüber, wie Verbindung auch dann gelingen kann, wenn das Sprechen kaum noch funktioniert.

Astrid Steinmetz ist Gerontologin, Musiktherapeutin und Sozialpädagogin. Sie hat das Trainingsprogramm „Kommunikation ohne Worte“ (KoW) entwickelt, an dem über 25.000 Pflegende teilgenommen haben. Seit fast 30 Jahren begleitet Astrid schwerkranke, sterbende und demenziell veränderte Menschen – und zeigt, wie Nähe, Verständnis und Dialog auch nonverbal entstehen können.

Wir sprechen unter anderem darüber:

  • wie Angehörige Körpersprache besser lesen und selbst einsetzen können
  • warum Menschen mit Demenz oft überfordert wirken – und wie man sie wirklich erreicht
  • wie kleine nonverbale „Ping-Pong-Momente“ wieder Kontakt ermöglichen
  • welche Rolle Hände, Berührung, Atmung und Blickkontakt spielen
  • was hinter stereotypen Verhaltensweisen wie Rufen oder Nesteln stecken kann.

In der Kommuniation mit Menschen mit Demenz gilt oft: “Weniger ist oft mehr”, sagt Astrid. Sie erzählt aus ihrer Praxis, liest zwei Geschichten aus ihrem neuen Buch vor. Besonders wertvoll sind die vielen konkreten, sofort umsetzbaren Tipps für den Alltag mit einem demenziell veränderten Menschen.

Dies ist eine Folge für alle, die sich eine bessere Verständigung mit einem Angehörigen mit Demenz wünschen. Ich hoffe, ihr könnt ein paar ideen in euren Alltag mitnehmen. Leitet die Folge gerne auch an andere Interessierte und Pflegende weiter.

Eure Peggy

Herzlichen Dank an die Stiftung für Demenzerkrankte für die finanzielle Unterstützung bei der Produktion dieser Folge.

Host und Redaktion: Peggy Elfmann Technik und Produktion: Till Wollenweber Foto: Cathrin Bach Für Kommentare, Themenideen und Kooperationsanfragen, schreibt gerne an: podcast@desideria.org

Links zu dieser Folge:

Astrid Steinmetz: Infos und Termine zu Kommunikation ohne Worte. [zur Website](https://www.kommunikation-ohne-worte.de/)
Astrid Steinmetz: “Glücksmomente. Geschichten vom Lebensende”, Carl Auer Verlag, 2026.

Angebote von Desideria:

Angehörigenseminare: Alle Infos und Termine Leitfaden Denk auch an dich weitere Infos

Transkript anzeigen

Eine Demenzerkrankung bringt es im Verlauf oft mit sich, dass die Menschen nicht mehr oder nur wenig sprechen. Die Kommunikation fällt dann häufig schwer und es fühlt sich so an, als könnte man gar nicht mehr miteinander kommunizieren. In dieser Folge Leben, Leben, Pflegen der Desideria-Podcast zu Demenz und Familie spreche ich mit Astrid Steinmetz darüber, wie Kommunikation ohne Worte gelingen kann.

Wir sprechen darüber, wie Angehörige Körpersprache einsetzen und entschlüsseln können und was in Situationen hilft, in denen es scheinbar keinen Zugang zu der Person mit Demenz gibt.

Herzlich willkommen zu „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie.“ Mein Name ist Peggy Elfmann. Ich bin Journalistin und pflegende Angehörige. Hier im Podcast spreche ich mit meinen Gästen über Themen, die Angehörige und Pflegende beschäftigen. Ich möchte euch hilfreiches Wissen und ganz konkrete Anregungen für euren Alltag geben.

Ich freue mich sehr auf meinen heutigen Gast, Dr. Astrid Steinmetz. Astrid ist Gerontologin, Musiktherapeutin und Sozialpädagogin. Sie arbeitet seit bald 30 Jahren mit schwerkranken, sterbenden und demenziell veränderten Menschen und hat das Konzept Kommunikation ohne Worte entwickelt. Das ist ein Kommunikationstraining, es ist wissenschaftlich evaluiert und es geht dabei um nonverbale Kommunikation.

Mehr als 25.000 Fachkräfte hat sie im deutschsprachigen Raum schon geschult. Und ich freue mich sehr, mehr darüber zu erfahren. Liebe Astrid, schön, dass du da bist. Herzlich willkommen bei „Leben. Lieben. Pflegen.“

Ja, vielen Dank für die Einladung.

Bevor wir anfangen, möchte ich noch Dankeschön sagen. Ein großer Dank geht an die Deutsche Stiftung für Demenzerkrankte. Sie unterstützt uns finanziell bei der Produktion dieser Folge. Ganz herzlichen Dank.

Ja, lieber Astrid, wir sprechen über Kommunikation ohne Worte. Und ich glaube, viele unserer Zuhörenden erleben, wie mit der Demenz auch Worte verschwinden und wie schwierig Kommunikation im Alltag bisweilen sein kann. Was war denn der Moment oder gab es diesen Moment, der dich zu diesem Thema gebracht hat? Ich glaube, es waren viele Momente, viele Momente, in denen ich an Grenzen stieß der Sprachlosigkeit.

Und einen habe ich so ganz besonders im Sinn und schildere den gerne. Ich war junge Therapeutin, frisch im Beruf, voller guter Absichten und bin so in das Zimmer gegangen zu diesem Mann, der war vielleicht so um die 70, der in seiner Tumorerkrankung zusätzlich auch kognitiv eingeschränkt war. Und mit meinem Enthusiasmus ging ich da rein und ich habe...

unbewusst schon bemerkt, dass er sich mich mit einem Stirnrunzeln anschaute und habe das nicht berücksichtigt. Und bin dann an sein Bett getreten, über dieses Stirnrunzeln quasi hinweggegangen und dann hat mich dieser Mensch angespuckt. Mhm.

Und ich habe danach gedacht, meine Güte, wie weit bin ich über seine Grenzen gegangen, dass er sich so wehren musste. Und habe dann gedacht, sowas möchte ich nie mehr tun. Ich möchte sehr fein hinschauen. Denn jemand, der so eingeschränkt ist, hat so wenig Autonomie in seinem Leben.

Es wird so viel über ihn bestimmt, was gut und richtig ist für ihn und was dran ist zu tun. Und das möchte ich nicht auch noch ihn erfahren lassen, sondern ich möchte ihn erfahren lassen, dass er auch ohne Worte komplett mitsteuern kann, wie er es haben möchte.

Und diese Erfahrung hat mich unter anderem dazu gebracht, mich damit zu beschäftigen, zum einen wirklich ganz sauber die Signale meines Gegenübers wahrzunehmen und einzuordnen.

Ist das auch das, was man unter Kommunikation ohne Worte versteht, die Signale verstehen oder entschlüsseln können? Das ist eines der Bereiche. Ich schule vier Kompetenzbereiche. Und das nennt sich Dekodieren, also sauber lesen. Und dann geht es darum, nicht nur seiner ungefähren Intuition zu folgen. Wir alle lesen die ganze Zeit die Signale unserer Mitmenschen.

Und es gibt Forschung zum Beispiel über die Mimik, dass wir in 20 bis 40 Prozent bei gesunden Menschen falsch liegen, wenn wir die Emotionen in der Mimik einordnen.

20 bis 40 Prozent liegen wir falsch?

Ganz genau. Und jetzt haben wir es nicht mit gesunden Menschen zu tun, sondern mit Menschen, die auch noch mimische Einschränkungen haben, weil die Erkrankung auch den Ausdruck im Gesicht verändert. Das heißt, hier geht es umso mehr darum, wirklich sich damit zu beschäftigen, Signale sauber zu erkennen, zu wissen, wann kann ich was, wie ableiten und immer wieder auch zu schauen, die Mimik ist gut beforscht, da können wir mit großer Sicherheit bei Signalen auf eine Emotion schließen. Ansonsten geht es darum, den ganzen Körper zu lesen und zu sehen, in welche Richtung geht es denn?

Mir ist es wichtig, diese drei großen Richtungen zu lesen. Geht es eher um eine Zuwendungsreaktion? Geht es eher um eine Abwendungsreaktion? Oder zeigt mir jemand durch seine Reaktionslosigkeit, dass er mich noch gar nicht verstanden hat? Und das wird oft missinterpretiert als Ablehnung.

Und das Dekodieren ist also die Grundlage dafür, dass ich überhaupt in eine gelingende Kommunikation eintreten kann. Sonst, wenn ich das nicht tue, dann laufe ich an den Menschen vorbei. Und der zweite Schritt ist das Enkodieren. Was mache ich denn jetzt mit meinen kommunikativen Möglichkeiten? Wie nutze ich ganz bewusst meine räumliche Annäherung zum Beispiel ein. Wie nutze ich die Stimme? Wann spreche ich? Wie laut, wie leise spreche ich? Wie trete ich in den Blickkontakt? In welchen Momenten berühre ich oder auch nicht? Und wann brauche ich unbedingt die Gestik und wann wäre sie zu viel? Das ist ein bewusster Umgang mit der Körpersprache.

Der dritte Kompetenzkomplex, da geht es um das Regulieren, die Fähigkeit, sich von Person zu Person auf eine neue Situation und Erfordernis einzustellen. Also jemand, der schwerhörig ist, der braucht von mir etwas ganz anderes als jemand, der bettlägerig und sehr schwer erkrankt und eingeschränkt ist. Wiederum anders, das braucht ein Mensch, der gerade in Angst ist. Und regulieren meint eben, ich gewinne in mir die Flexibilität, mich auf verschiedene Situationen einzustellen, um dann, das ist der vierte Kompetenzkomplex, zu dialogisieren, kleine nonverbale Dialogräume aufzumachen, in der es wie ein kleines Ping-Pong-Spiel ist. Ich sehe dein Signal, ich sende etwas. Ich sehe deine Reaktion, ich sende etwas. Und es geht ganz schnell hin und her.

Und wenn wir da in diesem Bereich angelangt sind, dann ist es wirklich Dialog und Miteinander. Selbst mit den schwerst eingeschränktesten Menschen. Ich glaube, das sind ja Momente, wo man eigentlich immer so denkt oder sagt, ja, mit dem kann man nicht mehr kommunizieren oder wir können nicht mehr miteinander sprechen.

Und nun werden wir heute die einzelnen Punkte vielleicht noch ein bisschen genauer anschauen. Aber vielleicht kannst du schon irgendwie der Form geben, warum das so wichtig ist, also sich dieser Kommunikation ohne Worte zu widmen. Also wie profitiert mein Angehöriger mit Demenz davon, aber auch ich als pflegende Angehörige?

Ja, wir bringen ja alle unsere Körpersprache mit, von Kindesbein an. Und zwar ist diese geprägt durch die Erfahrungen, die wir gemacht haben, durch die Beziehungserfahrungen. Und das, was jetzt so als ganz unseres erscheint, ist letztendlich nur ein Produkt von dem, was wir selbst erfahren haben. Und mit diesen unseren Gewohnheiten gehen wir jetzt auf Menschen zu. Und manchmal gelingt es und dann ist es wunderbar. Dann freuen sich alle Beteiligten. Und bei Menschen mit Demenz gelingt es an vielen Stellen auch gar nicht, weil sie sich doch ein Stück weit auch in ihren Ausdrucksmöglichkeiten von uns entfernen. Und wir haben so Gewohnheiten, wie man das macht. Ich mache ein Beispiel. Ich gehe auf jemanden zu, auf meine Freundin zu und spreche die an von der Seite. Hallo Anna. Und Anna dreht sich zu mir hin und reagiert und wir sind im Kontakt und alles geht los. Nun, der Mensch mit Demenz kann schon das nicht mehr. Das ist kognitive Koordinationskompetenz. Ich höre etwas und kann das mit meinem Sehen verknüpfen. Und wenn wir dann mit unserer Gewohnheit weitermachen, ich habe jemanden angesprochen und zack, machen wir weiter, dann fühlt sich die Person komplett überfallen und muss sich wehren oder geht in eine komplette Passivität und stellt sich innerlich tot. Und das sind dann für beide Seiten extrem unbefriedigende Situationen. Der Mensch mit Demenz spürt: Ich bin hier überhaupt nicht gesehen. Entweder kämpfe ich um mein Recht oder ich versinke. Und der betreuende, pflegende Mensch erlebt immer wieder Frustration und Ablehnung. Und das finde ich gerade für Angehörige so schmerzhaft, wenn der geliebte, vertraute Mensch mir immer wieder Ablehnung zeigt. Und er zeigt sie ja dann nicht mir als Person, sondern meiner Vorgehensweise, die nicht mehr zu ihm passt.

Aber in dem Moment nehme ich das, als ich als Person war. Also ich denke ja, wir kommunizieren natürlich. Ich glaube, die wenigsten Menschen machen sich darüber im Kopf, wie man kommuniziert, sondern wir reden halt einfach. Und dann klappt dieses Miteinander nicht mehr. Und das ist so frustrierend, weil man denkt, was ist denn los? Also wir können doch noch kommunizieren. Es ist gar nicht in dem Sinne vielleicht ohne Worte. Wir haben Worte, aber es fängt ja eigentlich schon viel früher an, wenn ich dir und deinen Erklärungen zuhöre, dass wir anders kommunizieren müssen als Angehörige.

Genau, wir müssen gar nichts, aber es würde uns helfen, wenn wir mit diesen Ansätzen unseren Menschen mit Demenz schnell erreichen und immer wieder gelingende Momente miteinander haben. Dann sinkt auf allen Seiten die Anspannung und die Zufriedenheit nimmt zu. Das brauchen pflegende Angehörige, die in einer so dauerherausfordernden Situation stehen. Immer wieder Momente des Gelingens und des Miteinanders, der Verbundenheit. Das brauchen Pflegende auch, damit sie sich in ihrer Berufsidentität auch wirksam fühlen und Zufriedenheit generieren. Und das brauchen die Menschen mit Demenz, damit sie sich kompetent erleben, damit sie sich eingebunden fühlen. Weil die Isolation, man kann in einem Raum mit anderen Menschen sein und sich so wahnsinnig alleine und nicht gesehen fühlen. Und das führt zu so viel Traurigkeit und Frustration. Und das ist meines Erachtens so tragisch, weil es gibt die Wege und die Brücken zueinander zu kommen.

Es braucht nur das Bewusstsein, dass wir eben auch als pflegende Angehörige, pflegende, begleitende, betreuende beginnen, uns weiterzuentwickeln. Weil wir merken, in der Welt, in der wir vorher miteinander gelebt haben, da bewegt sich der andere ein wenig raus. Und wenn wir auf unsere Welt beharren, wird es ein Ziehen und Zerren sein. Aber wenn wir hinten wachsen in die Welt des Anderen, und das können wir, aufgrund unserer Gesundheit sind wir entwicklungsfähig. Und wenn wir das lernen, dann wird der andere für uns eine Bereicherung, weil er uns ja einlädt zu sagen, geh über dich hinaus, lerne neue Wege, lerne neue Ideen. Und die bleiben ja dann nicht nur in diesem Feld, die nehme ich ja in andere Lebensbereiche mit.

Gibt es so grundlegende Prinzipien, wie man erklären kann, wie sich die Kommunikation, vielleicht auch gerade die nonverbale Kommunikation bei Menschen mit Demenz entwickelt oder unterscheidet?

Also das eine, was ich schon angesprochen hatte, ist die Wahrnehmungsebene. Die Wahrnehmung verändert sich. Es wird nicht mehr so koordiniert wahrgenommen, sondern viel fragmentierter. Wir haben drei große Wahrnehmungsbereiche, aus denen wir ständig Signale empfangen. Das eine ist die Umgebung. Alles, was ich sehe, höre, auf der Haut spüre, rieche, schmecke. Das ist unglaublich viel in einem kleinen Moment. Gleichzeitig sendet der Körper die ganze Zeit Signale. Habe ich Hunger? Habe ich Durst? Bin ich müde? Tut mir was weh? Spüre ich eine Unruhe?

Und zum Dritten ist die Innenwelt ja auch da, in der es irgendwelche Gedanken gibt oder Bilder oder Bedürfnisse oder Gefühle. Als gesunder Mensch haben wir so eine Art Filter, der uns hilft, für die Situation auszuwählen, was jetzt gerade relevant ist. Das heißt, ich kann zum Beispiel irgendwie merken, meine Angst ist vielleicht zu groß und ich rede darüber, oder? Ich kann entscheiden, zum Beispiel, also ich würde sagen, ich kann natürlich merken, meine Angst ist groß und jetzt kann ich kurz gucken, woher kommt die Angst? Ach, das liegt an der Situation, es ist so dunkel hier, ich mache mal das Licht an. Oder es hat im Nebenzimmer geknistert. Ich gehe mal dahin und schaue, was los ist. Und damit habe ich meine Angst schon reguliert.

Der Mensch mit Demenz, der fühlt die Angst, aber er kann diese Koordination nicht mehr leisten zu sagen, was mache ich denn, um die Angst jetzt zu überprüfen? Oder er kann auch nicht mehr die Strategien, wenn ich zum Beispiel rausfinde, okay, es ist eigentlich alles sicher, aber ich habe dennoch die Angst, ja, dann habe ich doch gelernt, dass ich atme. Dann habe ich gelernt, dass ich mich bewege. Das sind alles Fähigkeiten, die ich habe, die den Menschen auch verloren gehen. Auch dieses Wissen geht ihm ja verloren. Und dann sitzt er mitten in seiner Angst. Und dann ist die so überbordend und fühlt ja auch, Innenleben so aus, dass zum Beispiel, wenn jemand dann freundlich auf ihn zukommt und ihn fragt, möchtest du was trinken, überhaupt keine Kapazität mehr da ist, um diese Frage aufzunehmen und darauf zu antworten. Also die Wahrnehmungswelt verändert sich ganz stark.

Es verändert sich aber auch die Fähigkeit zum Beispiel, einzelne nonverbale Bereiche des Gegenübers zu lesen. Also Menschen mit Demenz können unsere Mimik schlechter lesen als wir. Sie brauchen also von uns daher eine veränderte Kommunikation. Das nennt sich das multimodale Verdichten. Also wenn ich mit jemandem kommuniziere, von dem ich weiß, dass es ihm nicht reicht, nur meine Mimik zu sehen und zum Beispiel mein freundliches Lächeln, dann gebe ich meine Stimme dazu und durch den freundlichen Klang kriegt jemand einen zweiten Kanal, auf dem er dieselbe Botschaft bekommt. Vielleicht nehme ich Worte noch dazu und vielleicht noch eine Körperhaltung, die eine Freundlichkeit signalisiert. Also ich kommuniziere viel mehr in so verdichteten Momenten, in denen viele Kanäle ein und dasselbe sagen. Das ist natürlich andersrum wichtig zu wissen, dass die Worte alleine gar nicht so die Bedeutung haben, sondern die Worte verlieren immer mehr an Bedeutung, weil in der Regel, bei den meisten Formen der Demenz geht, das Sprachverständnis verloren. Immer mehr. Und es kann bis in diesen Zustand hineinkommen, dass jemand seine Muttersprache nicht mehr versteht.

Und dann können wir den Schluss ziehen, dass Sprache überhaupt gar nicht mehr das Verbindende ist, sondern sie kann sogar bedrohlich sein, wenn man sich vorstellt, man macht in einem anderen Land Urlaub, dessen Sprache man gar nicht versteht. Ich mache in China Urlaub, ich habe einen Unfall, ich komme ins Krankenhaus und lauter freundliche Chinesen stehen um mein Bett und reden auf mich ein. Ich werde panisch. Ich weiß überhaupt nicht, was los ist. Also zu viel Sprache und Erklärungen sind dann oftmals völlig kontraproduktiv und führen dazu, dass sich jemand eher versperrt. Sprache vom Inhalt wird weniger wichtig. Der Klang meiner Stimme wird dann bedeutungsvoller und der ganze Rest, in dem die Sprache eingebettet ist, wie ich das mit meinem Körper vermittle, das wird dann wichtig.

Wir werden noch darüber sprechen, wie man miteinander in Kontakt kommen kann, wie es gelingt, miteinander zu kommunizieren. Aber beim Stichwort Sprache, du hast ein neues Buch geschrieben, „Glücksmomente. Geschichten vom Lebensende“, in dem es natürlich auch um dein Thema, um Kommunikation geht. Und da gibt es eine Geschichte, die finde ich, die zur Sprache ganz gut passt, was für eine Bedeutung die hat. Lies uns die doch mal vor und dann können wir noch ein bisschen drüber sprechen.

Gerne. Und ich sage im Vorfeld noch, auch dieser Mensch, das war ein Mensch mit einer Tumorerkrankung, aber eben auch mit einer starken kognitiven Einschränkung. Insofern passt die Geschichte hier wunderbar. Ich lese sie gerne vor.

„Der Charmeur.

Wie er sich ärgert, dass diese verdammte Dose nicht zugeht. Auf seinem Bett sitzend, geschwächt und hinfällig, ist er doch auf 180. Nichts scheint zu funktionieren. Noch vor kurzem war er der Charmeur der lokalen Tanzszene, über Jahrzehnte hinweg bekannt und respektiert. Wahrlich eine Instanz.

Heute jedoch stößt er an nichts anderes als sein Scheitern und droht daran zu verzweifeln. Anstatt ihn zu besänftigen oder an seiner Stelle die Dose zu schließen, kommentiere ich im breitesten Berliner Dialekt »So een Scheiß aba ooch!«

Da schaut er mich das erste Mal richtig an, lächelt dann verschmitzt und erwidert: »Mädel, du jefällst ma!« Was er schlicht und ergreifend wollte, war, respektiert und verstanden zu werden. Als er dies erfuhr, konnte sein Ärger so gleich verpuffen, war er wieder mit sich und der Welt im Reinen.

Am Ende dieser unserer ersten Begegnung findet er obendrein den Charmeur in sich wieder und macht mir ein großes Kompliment voller Wärme. »Mädel, du strahlst ditt aus, watt eenem jut tut.« Wenige Tage später steht eine Kerze vor seiner Tür.

Ärger ist Teil des Lebens, besonders wenn so vieles aus den Fugen gerät. Respekt ist der Schlüssel, um das wiederzufinden, was unangetastet bleibt, die eigene Identität. Zu spüren, wer man ist, trägt, in einer Zeit der Veränderungen und Verluste. Ein kleiner Satz oder eine Geste können die Tür dazu öffnen.

Danke. Ja, wunderschön ist das Berlinerisch. Das bringt es auf den Punkt. Also wie man Sprache, worauf es ankommt in der Sprache. Ja, wenn du das so quasi zusammenfassend mitgeben müsstest, was sind die wichtigsten Prinzipien, auf die man achten sollte in der Kommunikation? Weil wir sprechen natürlich auch von Sprache, auch wenn es Kommunikation ohne Worte heißt. Die Worte spielen da eine entscheidende Rolle.

Also was hier, ich nehme ja gleich Bezug auf die Geschichte, was hier in der Geschichte wirksam war. Ich habe keine Frage gestellt. Ich habe genau hingeguckt und versucht zu erahnen, wie er sich gerade wohl fühlen könnte. Und dann habe ich dieses Gefühl nicht versucht wegzureden, zu beschwichtigen oder zu hinterfragen, sondern ich bin direkt auf das Gefühl eingegangen mit einem inneren Satz, der in diesem Gefühl auch wirksam ist. Dieses innere Schimpfen, so ein Mist. Und ich war in dem Moment eigentlich nur Sprachrohr seines eigenen Empfindens. Und das war das, was er gespürt hat. Er hat eine völlige Kontinuität zwischen uns gespürt, eine Stimmigkeit. Nicht eine Gegnerschaft, sondern ein Miteinander. Und das hat ihn so schnell geöffnet. Er musste sich nicht verteidigen und sein Gefühl festhalten oder sich gegen mich auch noch das Gefühl richten, sondern er konnte es loslassen in dem Moment, in dem ich es für ihn ausgedrückt habe. Und hier geht es so ein bisschen darüber hinaus, was verbale Kommunikation ist. Hier geht es um den Umgang mit Gefühlen, auch über die Sprache. Und ich habe ja nicht nur die Worte gewählt, sondern ich habe die Worte mit einem Stimmklang versehen. Und er hat, ich denke, als allererstes den Klang meiner Stimme gehört, der sein Gefühl transportiert hat.

Und das, was ich hier schildere, das ist schon fortgeschrittene Kunst. Denn es fordert eben auch, dass ich mit meinen eigenen Gefühlsreaktionen auf das Gefühl eines anderen, wenn jemand mir mit seinem Ärger gegenüber sitzt, dass ich dann eben in Gelassenheit bleiben kann. Dass ich nicht sofort mitgehe und denke, oh Gottes Willen, jetzt darf ja nichts passieren. Oder, oh weia, der hat das gegen mich gerichtet, ich muss mich verteidigen, sondern denke, das ist sein Gefühl. Das ist völlig in Ordnung. Das kenne ich auch. Ich bin auch manchmal gefrustet. Und mit dieser Gelassenheit kann ich im Gefühl eines anderen wunderbar ein Partner sein.

Braucht es Übung?

Ja.

Wie viele Stunden hast du geübt, um dann gelassen zu bleiben?

Ich habe jetzt viele Jahre, bin ich dabei am Üben und das gehört ja nicht auf. Also ich habe ja die letzten 27 Jahre meines Lebens mich damit beschäftigt und nicht nur es einfach getan, sondern immer wieder reflektiert. Was habe ich für eine Reaktion gehabt? Oh weia, jetzt war ich ängstlich. Ach, jetzt habe ich mich verteidigt. Jetzt bin ich in die Rechtfertigung gerutscht. Jetzt habe ich Angst bekommen vor dem Ärger. Was ist das denn bei mir? Ich bin mit mir selber in Beziehung geblieben. Und ich glaube, das ist eine Voraussetzung, damit ich in eine gute Beziehung mit anderen treten kann. Sonst steht mein eigenes Innenleben immer zwischen uns.

Das gilt, glaube ich, immer, nicht nur bei Menschen mit Demenz. Aber ich glaube, das ist was total Wichtiges, sich über sich selber bewusst zu sein. Also zum einen, klar, wie kommuniziere ich, aber eben die Person zu sehen und sich darauf einzulassen. Erwartet ja von mir auch, dass ich von mir einen Schritt zurückgehen kann. Wie erlebst du das denn in den Schulungen? Ich könnte mir vorstellen, dass es auch Mut braucht, sich darauf einzulassen.

Ja. Also es geht ja in den Schulungen Kommunikation ohne Worte immer um das Grundprinzip, wir treten in Dialog ein, wir suchen dialogische Momente. Und für mich ist es sehr wichtig und auch von der Forschung bestätigt, dass wir so ein komplexes Geschehen wie Kommunikation und nonverbale Kommunikation – ist noch umso vieles komplexer als verbale Kommunikation – , dass wir das nicht in großen Rollenspielen jetzt mal schnell alles anders machen, sondern dass wir Mikrofertigkeiten schulen. Ich mache wirklich Mini-Übungen, wo ich sage, jetzt geht es mal nur um deinen Weg von der Tür zum Menschen, der da sitzt. Gar nichts anderes. Und dann ist das so eine kleine Sache von ein, zwei Minuten, die wir einmal probieren, wo wir uns gegenseitig reflektieren und dann haben wir etwas gelernt und so bauen wir diese kleinen Fertigkeiten in komplexere Situationen ein und so erleben die Teilnehmenden immer, ich bin lernfähig, ich bin entwicklungsfähig und das, was ich gerade mache, ist schon ein Schritt über das hinaus, was ich vorher gemacht habe.

Deswegen sicherlich, immer, wenn wir lernen, braucht es Mut. Weil wir was Neues machen, was wir zuvor noch nicht gemacht haben. Aber ich kann als Trainerin dafür sorgen, dass der Mut nicht gigantisch groß sein muss, sondern dass der klein sein darf. Und je mehr Erfolgserlebnisse wir haben, desto mehr wächst unser Mut. Und das ist meine Verantwortung als Trainerin. So sehe ich das. Wenn ich so ein Konzept in die Welt gebe, ist es meinen Teilnehmern so leicht wie möglich zu machen, da hineinzuwachsen, um dann bestätigt durch die Erfolge, die sie in der Praxis machen, zu sagen, jetzt gehe ich aber mal weiter, das wende ich jetzt aber mal an. Und das ist dann immer der stärkste Motivator, wenn sie sagen, die Patientin hat monatelang nicht mehr gesprochen und ich habe jetzt die Methoden angewendet von KOW. Ich habe gerade gestern so eine Nachricht nämlich bekommen. Sie sagt dann die Mitarbeiterin, ich habe es angewendet und die hat gesprochen, die hat mir sogar gesagt, dass sie Grießbrei wollte und wir haben uns alle gefreut. Da denke ich, wow, das ist natürlich für mich wunderschön, für alle Beteiligten und das ist es, was dann diejenigen, die KOW anwenden, einfach motiviert zu sagen. Also jetzt geht es nicht mehr um Mut, jetzt geht es nur einfach, ich will das nächste Erfolgserlebnis haben.

Genau, lass uns mal über das Trainingsprogramm sprechen. Ich finde, so ein Wort Trainingsprogramm klingt ja immer so, als hätte man so feste Begriffe oder feste Sätze, die es eben zu sagen gibt. Wie läuft das so ab und was ist dein Ziel oder dein Wunsch, was möchtest du vermitteln?

Also rein zum Format, das sind insgesamt 48 Unterrichtsstunden, das habe ich gegliedert in dreimal zwei Tage, an denen man dann in der Gruppe bis maximal 15, 16 Leuten den ganzen Tag zusammen ist und an den Sachen, so wie ich es gerade geschildert habe, ganz kleinschrittig arbeitet.

Was möchte ich darüber erreichen, dass sich Menschen ihrer unglaublichen Möglichkeiten der Kommunikation bewusster werden, dass sie merken, was sie für einen gigantischen Schatz sie haben und dass sie mit diesem flexibel umgehen können, sodass sie immer wieder, ich nenne das den Kompetenzbereich, dass sie Kompetenzebene ihres Gegenübers treffen. Also zu sehen, Ist es genug, wenn ich ins Zimmer reinkomme und Hallo rufe und ist die Verbindung da? Braucht jemand, dass ich mich vor ihn stelle, indem ich mich langsam angenähert habe? Braucht jemand im Kontakt, dass ich ihn noch zusätzlich berühre, weil es ihm sonst nicht reicht, mich zu erahnen und auf mich einzugehen? Braucht jemand, dass ich ihm etwas mit den Gesten zeige? Oder braucht er lieber den Gegenstand in der Hand? Und das ist etwas, was wir alles dann erkennen lernen beim Menschen mit Demenz und wir wissen dann, wie wir damit umgehen. Das ist nicht mehr so, was mache ich denn jetzt? Der hat jetzt nicht reagiert, als ich ihn gefragt habe, ob er die Medikamente will. Um Himmels Willen, der will keine Medikamente mehr. Jetzt müssen wir eine Fallbesprechung machen, dass er keine Medikamente mehr will. Sondern, dass ich weiß, der hat die nicht genommen, weil ich lesen kann in seinen Ausdruck, der hat noch gar nicht verstanden, dass ich ihm Medikamente geben will. Der ist vielleicht gerade in einer inneren Traumwelt oder gerade beschäftigt mit seinen Händen, mit denen etwas nestelt. Da bin ich mit der Frage nach Medikamenten noch viel zu früh gewesen. Ich brauche erst mal, dass ich die Verbindung zu ihm finde, damit ich seine Aufmerksamkeit habe. Und dann kann ich gucken: Reicht es, wenn ich ihm die Medikamente zeige? Braucht es, dass ich ihm in die Hand gebe? Braucht es, dass ich ihm den Weg helfe, dass er in den Mund nimmt? Und das Ziel ist doch, dass das Miteinander gelingt, dass es leichter wird, dass es befriedigender wird, dass sich alle miteinander entspannen können und gute gemeinsame Zeiten miteinander verbringen.

Ja, hast du da manchmal vielleicht von Kritikern oder so, die sagen auch gerade von Pflegekräften vielleicht, boah, das nimmt viel zu viel Zeit in Anspruch, wenn ich jetzt quasi, also das ist jetzt ein bisschen plakativ, aber wenn ich jetzt auf jeden da individuell eingehen muss und erstmal herausfinden muss, wie es dem wirklich geht, das funktioniert gar nicht im Pflegealltag in der Einrichtung. Gibt es das und wie, ja, was ist dann deine Antwort darauf?

Natürlich gibt es das, das ist was ganz Normales. Und erst mal natürlich, wenn man davor steht und sich das alles anhört, dann denkt man, das braucht ja einen solchen Wasserkopf, wenn ich dann zu einem Bewohner gehe, um das alles hinzukriegen. Und deswegen nenne ich das doch Training. Es ist ja nicht so ein Seminar, wo man sich die Informationen drauf schafft und jetzt muss ich innere Register ziehen, um dann zu überlegen, sondern Training heißt, ich baue Kompetenzen auf und schule eine Technik, Intuition, erweitere die Intuition, entwickle eine geschulte Intuition, sodass ich mehr und mehr das in mir trage, wenn ich zum nächsten Patienten und Bewohner gehe und das dann mehr und mehr unwillkürlich anwende. So, das ist das eine, was ich dazu sagen würde.

Das zweite ist: Wie viel Zeit geht verloren, wenn ich auf meinen Bewohner oder Patienten zugehe und das Miteinander nicht gelingt? Wenn sich jemand wehrt, verweigert, nicht kooperiert. Ich gehe dann drei- und fünfmal hin und versuche das Gleiche nochmal. Der ist gefrustet, ich bin gefrustet. Beide sind emotional angespannter. Es gibt eine Eskalation. Das sind ja Stressspiralen, die dann hochgehen. Und darüber wird nicht nachgedacht, wie viel Zeit wir verlieren, wenn wir es einfach so aus unserem Stress und Zeitdruck heraus machen, mit dem, was dann als Effekt daraus kommt, nämlich Eskalation und Frustration, Frustration und Eskalation.

Und gleichwohl verstehe ich auch, dass Stress, wenn er in uns sitzt, uns eng macht, uns die Spielräume einschränkt, in denen wir handeln können. Deswegen ist ja auch das Thema der Regulation eines, was zuallererst bei mir als Person beginnt, mich zu lernen, mich von Moment zu Moment immer wieder so zu regulieren, dass ich mich öffnen kann. Das ist etwas, was uns auf Dauer in unseren Berufen auch gesund erhält, als wenn wir mit einer Maximalanspannung der acht Stunden durch die Flure fegen und dann nach Hause gehen und nichts anderes können, als uns zuballern können mit irgendwelchen Medien, damit wir mit unserem Stress klarkommen. Also ich plädiere dafür und suche das in meinem eigenen Leben immer wieder, diese Momente zwischendurch runterzufahren. Und das brauchen Pflegende unbedingt. Und das soll dann bitte schön nicht heißen, der arbeitet nicht richtig, sondern das ist die Voraussetzung, um qualitativ zu arbeiten. Und als Letztes sage ich auch, wir können nur so arbeiten, wenn die Strukturen uns das gestatten. Wenn eine Struktur völlig unterbesetzt arbeiten lässt oder fixe Ergebnisse in Pflegeprozessen fordert, die Person muss das und das gemacht haben, dann ist per se weder patientenorientierte noch beziehungserhaltende noch dialogische Pflege und Betreuung möglich. Dann muss man das in einer solchen Einrichtung, und jetzt werde ich streng, weil mich das wirklich böse macht, dann muss man klar sein und sagen, der Patientenwille zählt bei uns nicht. Die Würde wird bei uns an der Tür abgegeben. Wir wollen, dass Ergebnisse rauskommen. Und bitteschön, dann soll dann ehrlich sein und das so sagen, aber nicht von den Mitarbeitenden patientenorientiertes Verhalten einerseits verlangen, aber dann in den Prozessen das unmöglich machen, weil dann bringt man diese in eine solche Spannung, ethische Spannung, daran müssen sie zerreißen. Und da so verlieren wir Pflegepersonen und das finde ich so tragisch.

Ja, kurzer Rant auf das Pflegesystem. Ja, das spielt sicher eine ganz zentrale Rolle. Also sind die Ressourcen auch da. Und jetzt haben wir über die Pflegekräfte auf der einen Seite gesprochen, für die natürlich dein Programm ist. Trainierst du eigentlich auch Angehörige oder können sich Angehörige auch da vorne was abschauen? Können sie teilnehmen? Können sie lernen?

Ganz genau so, ganz genau so. Also wir haben sowohl das Angebot für Kliniken, Hospize, Pflegeeinrichtungen, dass sie uns einladen, dass wir die Teams schulen. Wir sind aber auch viel an Akademien und Instituten, wo jeder Mann, jede Frau, egal ob Profi, Ehrenamtlich, Angehöriger, kommen kann, um dann gemeinsam zu lernen. Und ich schätze sehr diese gemischten Gruppen, weil da die Blickwinkel auf ein und dieselbe Situation so wunderbar weit sind und vielfältig, dass alle voneinander lernen können.

Ja, die Infos zu deinem Programm und Termine, die stehen ja alle auf der Website auch. Das verlinke ich natürlich in den Shownotes. Und du hast auch ein Fachbuch dazu geschrieben. Da setzen wir auch den Link. Das kann man sich natürlich auch gut anschauen.

Ich würde mit dir gerne nochmal so dieses Momentum besprechen oder durchgehen, in Kontakt kommen. Also weil oftmals ist es ja irgendwie so, man hat das Gefühl, man kann nicht mehr so richtig in Kontakt kommen. Wie kann es gelingen? Was würdest du Angehörigen raten?

Die Kontaktaufnahme ist ein ganz entscheidender Prozess, damit das miteinander gelingt. Und die erste Empfehlung ist, investiere deine Aufmerksamkeit genau in diesen Prozess. Nicht in das, was du machen möchtest, sondern dass ihr euch gegenseitig findet. Und wir sind in unseren Annäherungen häufig überfallsartig. Und dass sich jemand dann wehren muss, ist eine gesunde Reaktion. Aber es ist fatal für das, was dann miteinander laufen soll. Also, ich empfehle immer, wenn ich mich demjenigen nähere, spreche ich erst mal meine Sinne auf und gucke, in welcher Verfassung befindet er sich gerade. Ist er gerade müde? Guckt er gerade vor sich hin? Oder ist er angespannt? Und dann nähere ich mich langsam und auch wenn wir uns noch nicht sehen, spreche ich. Ich spinne einen akustischen Faden, sodass der Mensch beginnen kann, wahrzunehmen, da kommt jemand vorsichtig in seine Welt. Und ich stelle dann keine Fragen. Na, was machst du da? Wie geht's dir? Hallo? Ach, guck mal her. Sondern ich treffe Aussagen. „Hallo, ach, ich sehe, du sitzt da.“, „Ich komme mal zu dir.“ Mit einer ruhigen, langsamen Stimme. Und gehe dann in das Blickfeld. Nicht gleich frontal, Nase an Nase, sondern erst mal ins ungefähre Blickfeld und setz mich, hock mich, stell mich dahin, sodass jemand dann mir den Blick schenken kann, wenn er das noch kann. Wenn er das nicht kann, dann würde ich mich da ein Stück weit auch in seine Höhe mehr begeben und die Augen ein wenig suchen. Es ist so wichtig, dass sich Blicke begegnen dürfen. Und häufig ist es kein Ausweichen, sondern nicht Wissen von aus der Seite des Menschen mit Demenz.

Wie mache ich das denn, die Blicke sich befinden zu lassen?

Also schenke ich aktiv meinen Blick. Und wenn die sich gefunden haben, dann drücke ich meine Freude darüber aus und sage, wie schön, jetzt sehen wir uns. Ich zelebriere diese Verbindung, die dann entsteht. Und das stiftet zwischen uns unsichtbare Fäden, die uns tragen. Und dann gucke ich, was jemand gerade macht und gehe da als Erstes drauf ein. Ah, du bist da mit deinen Fingern beschäftigt. Darf ich ein bisschen mitmachen? Oder guckst du aus dem Fenster? Ich gucke mal mit raus. „Ach, da draußen steht der Baum.“ Oder ich sehe, da hat jemand Angst im Gesicht. „Oh, du hast so eine Angst. Ich bin da.“, „Magst du mir gerade die Hände geben?“ Wir halten uns fest. Ganz toll. jetzt wird es besser. Das heißt, das ist jetzt schon sehr komplex, was ich hier alles schildere, da ist viel drin. Kontaktaufnahme, umgehen mit dem, wo ist die Aufmerksamkeit, wo ist das Interesse, wo ist die Bewegung, wo ist das Gefühl?

Und ich gehe jetzt davon aus, dass jemand den Blick noch hat. Wenn die Augen zu sind, dann braucht es vielmehr den Weg auch über das Ohr und die Berührung. Aber das Ohr darf nie fehlen, weil das Ohr immer als Raumsinn mich ankündigt. Wenn wir uns vorstellen, ich sitze da und bin in meinen Gedanken versunken und jemand fasst mich an, dann zucke ich zusammen, ich kriege Panik.

Ja.

Zumal der Mensch mit Demenz ja häufig auch völlig vergisst, was in seiner Umgebung los war. Auch wenn ich vor fünf Minuten da war, kann er in fünf Minuten innerlich völlig woanders sein. Also es ist schön, wenn ich mich immer wieder hörbar mache, bevor ich ihn berühre. Und wenn ich ihn berühre, dann möglichst doch so, dass er, wenn er die Augen aufmachen würde, mich sofort erkennen könne. Nicht von hinten, von hinten ist bedrohlich. Von der Seite, von vorne, also tatsächlich. Ganz genau. Und dann bitteschön in die Berührung auch nicht mit diesen Streicheleinheiten, die sogenannten Trostpflaster, die wir hier und da mal verschenken und die Stress auslösen. Diese schnellen, kurzen Bewegungen sind gut gemeint, aber führen eher dazu, dass jemand Entspannung gerät. Dann sind es die ruhenden Berührungen. Und wenn jemand seine Hände nutzt, dann biete ich so gerne meine Hände an, dass jemand sie greifen kann, weil er dann nämlich das selber macht.

Und das ist sein Ja zu mir, indem er das tut. Da brauche ich gar nicht mehr fragen, ist es schön, wenn ich jetzt da bin, sondern er hat es mir ja schon gezeigt, indem er meine Hände ergriffen hat, sagt er, ja, gut, dass du da bist.

Wie mache ich das denn richtig? Also wie biete ich denn die Hände an? Du sagst das jetzt so, aber...Oft ist es ja so, wir greifen auf die Hand, wir greifen auf die Person. Wir möchten ja auch diese Nähe herstellen durch Berührung. Und ich höre jetzt bei dir raus, dass das ganz schnell auch übergriffig eigentlich sein kann. Wie mache ich es richtig?

Also wenn jemand die Augen auf hat und mich sieht und auf mich reagiert hat, mit einem Lächeln oder weiß ich was, dann braucht er nicht, dass ich ihn ständig noch anfasse. Das machen wir ja untereinander auch nicht, dass wenn wir miteinander reden, uns ständig noch irgendwo streicheln. Das würden wir als sehr merkwürdig empfinden. Außer wir leben in Italien. Ich habe in Italien gelebt und habe mich sehr gewundert, dass ich ständig alles fasse. Aber wir leben ja in unserer Kultur. Diese kulturelle Prägung steckt tief in unseren Körpern.

Genau.

Und wenn ich aber merke, da ist jemand irgendwie in emotionaler Not oder braucht mehr Nähe, dann reicht es nicht, dass er mich sieht und hört. Dann ist es gut, wenn er mich spürt. Dann haben wir uns gesehen und dann reiche ich in sein Blickfeld, in die Nähe seiner Hände, meine Hände mit offenen Handflächen, sodass er sie ganz leicht, ohne jetzt nach oben fassen zu müssen, ganz leicht ergreifen kann, einen kleinen Zentimeter nur seine Hände zu mir schiebt. Vielleicht sind es auch nur zwei Finger, die sich berühren. Das kann was ganz Kleines sein.

Wenn ich merke, dass die Hände nicht aktiv sind oder auch nicht mehr aktiv sein können, dann kann es sein, dass ich meine Hand unter die Hand lege oder auch vielleicht mal an den Unterarm lege. Ich mag es lieber als die Schulter, weil ich die Schulter schon etwas bedrängend empfinde. Das machen wir selten. Aber der Unterarm ist etwas, was wir auch so im Gespräch, dass man mal jemanden einem Unterarm berührt, das machen wir eher so. Und der Unterarm ist auch ein bekleidetes Element. Es hat auch eine gewisse Distanz dann auch. Dennoch, wenn ich entscheiden kann, nehme ich am liebsten die Hände, weil die Hände sind per se ein dialogischer Raum, weil beide sich beteiligen können. Wenn ich jemanden am Arm fasse, kann der andere sich nicht an der Berührung beteiligen. Er kann sie nur empfangen.

Sehr schön, ich denke gerade darüber nach. Meine Mama war auch in der fortgeschrittenen Demenz immer ganz viel mit den Fingern beschäftigt. Und anfangs habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, aber später, die Kinder, also meine Töchter haben das irgendwie automatisch gemacht, dass sie ihre Hand hingehalten haben. Dann hat die Mama die Hand so drüber gelegt und hat sie so gespürt. Also da gingen Worte schon jahrelang nicht mehr.

Und das so ganz, ganz kleine Momente. Und eigentlich war das ja die Kommunikation, die da noch möglich war. Und es sind kleine, ganz große, bedeutungsvolle Momente für beide.

Ja. Du hast uns noch eine zweite Geschichte mitgebracht. Ich glaube, die passt gerade ganz gut, oder?

Sehr gerne. Ja.

Verwoben

Im Mantel steht sie in der Tür ihres Zimmers. Ihr Blick irrt angstvoll umher. Als sie mich sieht und wieder erkennt, teilt sie mir sofort mit, ich bekomme keine Luft. Der Tumor in der Lunge raubt Platz. Glücklicherweise gibt es Medikamente, die bei Luftnot sehr hilfreich sind.

Also drücke ich auf die Klingel, um Unterstützung aus der Pflege zu rufen. Dann begleite ich die Dame zurück in ihr Zimmer. Da steht eine gepackte Tasche. Anscheinend wollte sie weg. Weg von dem Gefühl der Enge und Not, nehme ich an. In ihrer Verwirrung war das ihr Versuch, eine Lösung zu finden. Doch das scheint jetzt nicht mehr wichtig. Sie lässt sich vertrauensvoll zu ihrem Bett geleiten und setzt sich auf die Kante. Dort hocke ich mich vor sie hin und reiche ihr meine Hände. Ich bleibe da, sage ich. Gleich kommt Hilfe.

Mit klammerndem Griff hält sie sich an mir fest und ich erwidere den Druck, gebe ihr damit Halt. Durch Spannen und Lösen meiner Hände kann ich zudem ihren Atem unterstützen. Sofort reagiert sie darauf und schließt ihre Augen. Schon nach wenigen Sekunden sinken ihre Schultern. Der ganze Körper entspannt sich. Die Atmung fließt frei. Als ich mich leicht bewege, kommt sie zu sich, öffnet die Augen und strahlt mich an. Das war schön. Die Klingel kann ich jetzt ausstellen. Ihre Luftnot ist weg.

Mittlerweile hat sie der Entspannung auch körperlich nachgegeben und sich hingelegt. Ich werde noch eine Weile bei ihr bleiben und ihren Atemfluss mit meinen Händen unterstützen. Als ich mich später leise verabschiede, öffnet sie nochmals die Augen und lächelt mich an. Ich war im Wasser. Und es war so schön warm. Heute konnten wir den Kreislauf von Verwirrtheit, Luftnot und Angst durch stilles, aber spürbares Dasein unterbrechen. Sogar ein Tor zu inneren, sie beglückenden Bildern tat sich auf.

Wieder einmal staune ich, wie eng Körper, Empfindung und Vorstellung miteinander verwoben sind.

Danke dir. Da waren sie wieder, die Hände, oder? Als dialogisches Instrument, aber auch um die eigenen Bedürfnisse und die eigenen Zeichen zu äußern. Sind die Hände so ein zentrales Element, um Bedürfnisse, Emotionen, vielleicht auch Schmerzen von der Person mit Demenz zu erkennen?

Die Hände sind ein zentrales Element einmal zum Lesen. Also wir können Spannung und Unruhe in den Händen sehen. Wir haben noch viel mehr andere Ausdruckskanäle, in denen wir zum Beispiel Schmerzen erkennen. Also das Lautieren predige ich wirklich immer wieder. 60 Prozent aller Menschen mit Demenz, die lautieren, also rufen „Hallo, Hallo.“ „Mama, Mama.“ Die haben Schmerzen, Unruhe in den Händen, in den Körperbewegungen, wegziehende Hände, wenn ich jetzt mal auf die Hände fokussiere, aber auch angespannte Atmung können alles Ausdruckszeichen von Schmerzen sein. Und das ist sehr gut, wohin zu schauen. Und natürlich kann ich mit meinen Händen neben allen anderen. Es ist immer ein Gesamtpaket. Ich komme jetzt nicht nur mit meinen Händen zu jemandem, sondern ich komme mit meiner Stimme, mit meinem ganzen Körper, mit meinem Gesichtsausdruck, mit meinem Blick. Und dann können die Hände Halt geben. In dieser Geschichte war es wirklich in dieser Not, in der sie war, war das wie so ein Halteanker. Ich bin da und halte sie fest und bleibe mit ihnen.

Wir reden ja gerne die Angst weg und die Unruhe ist nicht so schlimm, du brauchst keine Angst zu haben. Und es begegnet der Angst gar nicht, es banalisiert sie. Das Bedürfnis von Menschen in Angst ist, dass sie Halt bekommen und Sicherheit. Und das kann ich, dieses Gefühl kann ich ganz schön vermitteln über meine Hände, indem ich sie dem anderen reiche und da nicht so ein bisschen rumstreichle, sondern sage, diese Spannung, die in der Angst steckt, das war bei dieser Frau die Angst auch ganz doll. Ich teile sie mit dir. Ich biete dir den Halt, in dem wir uns beide festhalten. Und dann zu merken, wenn sich bei meinem Gegenüber die Spannung löst.

Und dann auch das Griff zu lösen. Und dann sagte ich ja auch, durch Spannen und Lösen meiner Hände kann ich ihren Atem unterstützen. Das ist eine weitere Methode, die wir in dem ganzen Prozess von Kommunikation ohne Worte lernen. Wie kann ich über die Arbeit an der Atmung, über die Hände, Anspannung lösen? Und wie kann ich jemandem begegnen, mit dem ich nicht mehr sprechen kann? Es ist immer die Atmung. Und die Atmung kann ich unter anderem durch die Hände begegnen.

Wie jetzt? Wie kann ich der Atmung über die Hände begegnen?

Ich kann es gerne, ja. Also die Atmung ist ja ein dreiphasiges Geschehen. Ich atme ein, die Spannung ist da. Dann kippt sie, ich atme aus, ich entspanne mich und das fließt weg in eine Pause. Und dann kommt der nächste Einatmen, Puls. Atmung ist was Hochindividuelles und was sehr dicht an dem, wie es mir gerade geht. Habe ich einen doofen Gedanken, ist sofort die Atmung fest. Kriege ich ein ungutes Gefühl auch. Und das bleibt uns Menschen bis in den letzten Lebensmoment. was ich häufig mache, ist die Atmung über die Hände zu begleiten. Und zwar lege ich dann meine Finger in den Handteller der Person und gehe mit der Einatmung in einen leichten Druckaufbau und mit der Ausatmung lasse ich mit dem Druck wieder nach. Das ist ganz subtil. Bleibe mit den Fingern immer auf der Hand und mit der nächsten Einatmung wieder in den Druckaufbau. Und mit dieser Verbindung, das nennt sich dann kreuzmodale Synchronisation, ich verbinde die Atmung des Anderen mit der Arbeit meiner Hände, dass die Qualität, in der wir uns begegnen, verbindet uns. Und damit kann ich sehr dicht beim Anderen sein. Und die Erfahrung ist, wenn ich sehr dicht mich abstimme auf den Anderen, wird sich dessen Spannung regulieren. Erlebt er Nähe, Annahme seines Seins und kann er sich dem hingeben, was gerade ist.

Und so kann ich mitten im Sterbeprozess Menschen noch sehr intensiv begleiten, unter anderem über diesen Weg. Total spannend. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Zuhörern vielleicht ähnlich geht. Es ist irgendwie so was Konkretes, was ich, ich merke es mir sicher, ich hoffe, viele merken es sich auch, aber was man tatsächlich anwenden kann. Also es ist ja eigentlich nicht kompliziert, aber total effektiv, wenn ich dir so zuhöre.

Gibt es eigentlich Handlungen oder Gesten oder Mimiken, die besonders häufig falsch interpretiert werden? Jetzt in der Kommunikation von Menschen mit Demenz, du hast vorhin das Lautieren angesprochen. Diese Rufe nach Mama, Mama. Ist das sowas, wo du sagst, da wird vielleicht manchmal nicht genau wahrgenommen, was eigentlich so dahinter steckt?

Also das sind gerade die Stereotypen-Verhaltensweisen, die du ansprichst. Das ist das Rufen, das Wandern, das Schrauben, das Klopfen, alles das. Das empfinden wir ja als störend. Und wir haben auch ein gutes Recht, das als störend zu empfinden. Das ist anstrengend, das Tag aus Tag einen mitzubekommen. Wirklich. Weil wir haben immer das Bedürfnis, dass eine Handlung einen sinnvollen Bogen hat und irgendwann auch ein Ende. Und dann ist mal wieder was anderes dran. So. Und hier ist aber jemand darin festgefangen. Und weil wir das als störend empfinden, wird es auch so schnell interpretiert. Der will ja nur Aufmerksamkeit. Und wird es interpretiert als etwas Nerviges. Und ich glaube, dass wir damit weder dem Menschen mit Demenz gerecht werden, noch uns helfen, weil wir ja dann irgendwie das noch unterstreichen. Der nervt nur und der hat was, der will uns stören.

Und dann konstruieren wir im Inneren ja sowas wie eine Gegnerschaft. Und das hilft uns auch nicht. Uns geht es ja nicht gut in so einer Verfassung. Und deswegen ist immer als erstes wirklich auch zu gucken, was könnten situative Auslöser sein für stereotype Verhaltensweisen. Und es kann sein, dass jemand sich gerade überfordert fühlt, weil im Raum so viel los ist, sitzt mitten im Tagesraum und der Fernseher läuft und Leute rufen und das Geschirr klappert und dann laufen Leute rum. Und das kann ein Versuch sein, sich von der Umgebung abzuschotten, wie eine Grenze zu ziehen. Kann die Regelmäßigkeit zum Beispiel des Klopfens oder anderer ein Versuch sein. Es kann aber auch ein Ausdruck sein, dass es jemandem unwohl ist körperlich. Ich sitze schlecht, meine Hose ist voll, mir ist kalt. Und er kann seine Not, ähnlich wie ein Baby, das wird es ja auch durch irgendwie schreien oder ausdrücken. Er kann sie nicht mehr anders ausdrücken. Es ist letztendlich, hilf mir, guck und schau, was mit mir los ist. Und das ist so wichtig, dass wir das miteinander erforschen wollen, warum ein Mensch sich so verhält. Also immer mit der Hypothese, der hat seinen guten Grund dazu.

Und es kann sein, dass jemand die Stereotypen-Verhaltensweisen nutzt, weil er nichts anderes mehr hat, um sich der Welt mitzuteilen. Dann ist es gerade nicht eine körperliche oder andere Not, sondern einfach sein, ich kann noch rufen, ich kann noch klopfen. Besser als wenn ich hier stumm und fast tot da säße. Dann bitte kommuniziere doch mit mir über das, was ich kann. Dann machen wir eben gemeinsam Musik, sage ich jetzt mal überspitzt. Dann ist das unser Element. Und das ist etwas, wo ich merke, dass in den Schulungen es oftmals eine große Überwindung kostet, hier zu sagen, hier lerne ich jetzt auch mit diesen Verhaltensweisen, die aus der Fremdheit herauszunehmen und zu sagen, ich verbünde mich damit. Du schenkst mir ja mit deinen Ausdrucksmöglichkeiten, schenkst du mir einen Anknüpfungspunkt für unser Miteinander. Du bist nicht da leer und gar nichts, sondern du zeigst mir etwas von dir. Und da mache ich so schöne Erfahrungen, wie Menschen sich dann darüber gewinnen lassen.

Ein Beispiel, die Dame erzählte mir einen Teilnehmer dann im nächsten Level, kam er wieder, war vorher erst skeptisch. Das ist ja komisch, sowas aufgreifen und so. Und dann erzählt er von der Dame, die nicht sprach, schon seit Monaten, fast Jahren nicht mehr sprach und sie wischte nur mit der Hand über den Tisch. Und da hat er sich ganz simpel mal zu ihr gestellt und hat einfach mit ihr zusammen den Tisch gewischt. Das ist die einfachste Form, mit einer Stereotypie umzugehen. Das ist die modale Synchronisation. Noch nicht die Kreuzmodale, sondern die modale. Und hat dann mitgemacht und in dem Moment hielt die Dame inne, schaute ihn an und sagte, was kann ich denn sonst noch tun? Und ihm ist die Kinnlade runtergefallen. Er hat einen Einblick in ihr Innenleben bekommen, wo er nicht mehr ahnte, dass das besteht. Und sie konnte diesen Einblick geben, weil sie nicht mehr nur die Fremdheit zwischen sich und der Welt gespürt hat, sondern die Verbundenheit, das Miteinander. Und das öffnet.

Ja, danke. Danke auch für diese gerade sehr eindrückliche Geschichte und dass du hier so viele Ideen und Anregungen geteilt hast. Ich denke, da ist einiges dabei, was man auch gut umsetzen kann.

Zum Abschluss wüsste ich gerne noch, was hast du denn für dich und auch deine Kommunikation aus all den Jahren jetzt, auch Arbeit mit Menschen mit Demenz, Menschen im Sterbeprozess, was hast du verändert in deiner alltäglichen Kommunikation? Mit diesen Menschen? Was hast du gelernt, könnte man sagen.

Ach, sie haben mich alles gelehrt, was ich jetzt lehre. Denn nur das, was mit Ihnen funktioniert hat, ist das, was ich jetzt weitergebe. Also Sie haben letztendlich natürlich verbunden mit viel Literatur und Forschungsergebnissen, habe ich das zusammengebaut, aber Sie haben es letztendlich mich gelehrt. Und wenn ich jetzt so zwei, drei Punkte rausgreife, was haben Sie mich gelehrt? Langsam zu sein, schlicht zu werden und ganz einfach. Und viele Pausen zu lassen und Pausen zu schätzen als nicht Raum der Leere, sondern ein Raum, in dem vieles Feine zwischen uns sein kann. Ein kleiner Blick, ein gemeinsamer Atemzug, ein Seufzer, dass Pause keine Leere ist, sondern eine große Fülle. Also was meine Teilnehmer immer sagen als Großerkenntnisse, weniger ist mehr. Und das Einfache ist das Schwierige.

Ja, vielen Dank. Danke, dass du heute hier bei „Leben. Lieben. Pflegen“ warst und wir über Kommunikation ohne Worte gesprochen haben. Wer mehr darüber sprechen möchte, ich habe schon gesagt, die Infos sind in den Shownotes. Und da ist auch der Link natürlich zu deinem neuen Buch. Es heißt »Glücksmomente, Geschichten vom Lebensende«, erschienen im Carl-Auer-Verlag.

Ich habe mir übrigens auch aufgeschrieben als Fazit, weniger ist mehr, was ich heute mitnehme und ja, vielleicht manchmal den Mut zur Pause oder den Mut auch hinzuschauen. Wenn du Angehörigen, den Zuhörenden einen Satz mitgeben könntest, welcher wäre das zum Abschluss?

Es lohnt sich, auf die Suche zu gehen. Man wird belohnt durch wunderschöne, nonverbale Antworten, die einen selber glücklich machen. Danke.

Zum Abschluss habe ich noch ein paar Neuigkeiten von Desideria für euch.

Desideria ist ja ein Verein, der sich für Angehörige von Menschen mit Demenz einsetzt und sie mit verschiedenen Angeboten unterstützt. Dazu zählen etwa auch die Angehörigenseminare. Die finden in der Regel digital statt. Ihr trefft euch in einer kleinen Gruppe aus maximal acht Personen, angeleitet von einem erfahrenen Therapeuten oder Therapeutin. Jede Seminarreihe besteht aus zehn Terminen und in den Angehörigen-Seminaren erhaltet ihr viele Informationen über Demenz, Strategien für den Alltag. Es geht aber auch um sowas wie Kommunikation. Das Angebot ist für Teilnehmende aus Deutschland kostenfrei.

Auch der Desideria-Leitfaden Denk auch an dich bietet Orientierung, gerade auch zum Thema Kommunikation. Alle Informationen, Termine und die Links findet ihr in den Shownotes.

Das war „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie.“ Heute mit meinem Gast Dr. Astrid Steinmetz.

Vielen Dank, dass du da warst, liebe Astrid.

Vielen Dank für die Einladung.

Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie.

Redaktion Peggy Elfmann.

Produktion Till Wollenweber.

Leben. Lieben. Pflegen. ist ein Angebot von Desideria. Empfehlt diesen Podcast gerne weiter. Alle Folgen und Informationen findet ihr in den Shownotes, auf lebenliebenpflegen.de und auf Instagram unter desideria.ev

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