Demenz in der Familie. Verlegerin Julia Becker über Pflege, Scham und die Verantwortung von Medien

Shownotes

Fast jede Familie irgendwann betroffen ist – und doch fällt es vielen Angehörigen so schwer, offen darüber zu sprechen. Warum ist das so? Und was können Medien und Unternehmen tun, um das zu ändern? In dieser Folge von „Leben. Lieben. Pflegen. – Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie" spricht Host Peggy Elfmann mit Julia Becker, Verlegerin und Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe. Julia Becker teilt ihre persönlichen Erfahrungen als pflegende Angehörige: Sowohl ihr Vater als auch ihr Stiefvater erkrankten an Demenz – eine Erfahrung, die ihr Familienleben und ihren Blick auf gesellschaftliche Verantwortung, grundlegend verändert hat.

Julia Becker spricht offen über Scham, Loslassen und die tief berührenden Begegnungen mit Menschen, die Pflege jeden Tag mit Hingabe leisten. Und sie erklärt, welche Verantwortung sie als Unternehmerin trägt: „Auch Unternehmen haben die Verantwortung, Mitarbeitende in belastenden Lebensphasen zu begleiten." Wie Sie das bei Funke macht und welche Veränderungen sie im Unternehmen und in den Medien anstoßen möchte, davon erzählt Julia Becker in dieser Podcastfolge.

Themen in dieser Folge:

  • Demenz in der Familie – persönliche Erfahrungen als pflegende Angehörige
  • Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
  • Scham und Stigma rund um Demenz
  • Die Rolle von Medien bei der Entstigmatisierung
  • Unternehmensverantwortung für pflegende Mitarbeitende

Hört gerne hinein!

Host und Redaktion: Peggy Elfmann

Technik und Produktion: Till Wollenweber

Für Kommentare, Themenideen und Kooperationsanfragen, schreibt gerne an: podcast@desideria.org

Angebote von Desideria

Desideria unterstützt Unternehmen dabei, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege aktiv in ihrer Unternehmenskultur zu verankern. Mit Impulsvorträgen, Schulungen und Coachingangeboten sensibilisiert Desideria Führungskräfte und Teams für die Herausforderungen von Pflege und Demenz. Wenn auch ihr Mitarbeitende habt oder seid, die Beruf und Pflege unter einen Hut bringen müssen, schaut gerne in die neue Rubrik Beruf und Pflege. Hier findet ihr Angebote für Unternehmen.

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Demenz trifft fast jede Familie und trotzdem wird in der Öffentlichkeit wenig darüber gesprochen, von den Betroffenen, Angehörigen und auch in den Medien. Dabei könnten gerade Medien viel bewegen, Sichtbarkeit schaffen, Tabus brechen und pflegende Angehörige erreichen. In dieser Folge spreche ich mit jemandem, der genau das in der Hand hat und das Thema auch aus eigener Erfahrung kennt: Julia Becker. Zu lange war das Thema leise, aber Demenz geht uns alle an.

Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie.

Herzlich willkommen zu „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“. Mein Name ist Peggy Elfmann. Ich bin Journalistin und pflegende Angehörige. Hier im Podcast spreche ich mit meinen Gästen über Themen, die Angehörige und Pflegende beschäftigen. Ich möchte euch hilfreiches Wissen und konkrete Anregungen für euren Alltag geben.

Mein heutiger Gast ist Julia Becker. Sie ist Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe. Das ist eines der größten Medienhäuser Deutschlands. Dazu gehören große Tageszeitungen wie die WAZ, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, oder das Hamburger Abendblatt und auch viele Programm- und Frauenzeitschriften und digitale Medien.

Julia Becker ist Unternehmerin in einer der einflussreichsten Branchen überhaupt. Und sie ist jemand, der das Thema Demenz aus dem eigenen Leben kennt. Und genau diese Kombination macht sie heute zu einer besonderen Gesprächspartnerin für mich. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind. Herzlich willkommen bei „Leben. Lieben. Pflegen“!

Herzlichen Dank, liebe Frau Elfmann. Ich freue mich, hier zu sein.

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Ja, liebe Frau Becker, Sie haben ja vor ein paar Monaten mit Desideria eine große Veranstaltung in Essen auf die Bühne gestellt. Es ging um das Thema Demenz und vor allem auch um diese Frage, wie lässt sich gut mit einer Demenzerkrankung leben als Betroffener, Angehöriger und auch in der Gesellschaft? Haben Sie an dem Abend eine Antwort gefunden?

Also erstmal war das ein ganz besonderer Abend für uns, weil wir als Funke Mediengruppe tatsächlich in dieser Konstellation und gemeinsam mit der Initiative Desideria noch niemals zuvor auch in Berührung gekommen sind. Das heißt auch keine gemeinsame Veranstaltungen durchgeführt haben und insofern bin auch ich mit ganz vielen Fragen im Kopf nicht nur in der Vorbereitungsphase unterwegs gewesen, habe unendlich viele Antworten auf Themen gefunden, die sich in meinem persönlichen Fall immer sehr überschnitten haben, was die verlegerische Aufgabe oder den Auftrag angeht, den ich für Funke habe und die persönliche Verantwortung, die ich als Angehörige, als Familienmitglied habe, wenn es darum geht, ein Angehöriger, in dem Fall waren es sowohl mein Vater als auch mein Stiefvater, beide an Demenz erkrankt, wie wir damit umgehen.

Also auf Ihre Frage, ich habe so viel mehr Antworten an diesem besonders schönen Abend hier bei uns in Essen, gefunden, weil auch keine neue Erkenntnis, aber die eben doch so zutreffend ist. Reden hilft ungemein, gerade zu Themen, die man normalerweise in der Öffentlichkeit zu wenig teilt. Das war ein Grund, auch eine Motivation, warum wir sehr schnell Désirée von Bohlen und Halbach und ich zusammengefunden haben.

Aber sie hat mich eben auch bestärkt, diese Veranstaltung, dieser Abend, dass es so gut tut zu sprechen, weil man dann eben überhaupt nicht allein ist mit den Fragen, die einen alleine beschäftigen und die, wenn sie einmal ausgesprochen sind, sich einfach in einer großen Runde wiederfinden von Gleichgesinnten und Gleichbetroffenen. Und das war eine besonders schöne und auch sehr berührende Erfahrung.

So geht es ja ganz vielen. Also es ist immer so ein bisschen paradox, wenn man sich die Zahlen anschaut. 1,8 Millionen Menschen sind direkt von der Krankheit betroffen. Und an Angehörigen rechnet man ja quasi immer zwei beziehungsweise dreimal so viele. Also es betrifft eigentlich total viele. Und trotzdem fühlen sich die meisten, auch die meisten, die ich so irgendwie im Gespräch erlebe, immer so alleine. Das nehmen sie quasi auch wahr. Wir sprechen viel zu wenig über Demenz.

Ja, weil ich glaube, das ist genau auch der Anspruch und die Mission von Desideria, als ich mich das erste Mal über Désirée von Bohlen und Halbach damit beschäftigt habe, dass es genau diesen Punkt trifft. Warum wissen wir so wenig? Weil wir tatsächlich viel zu wenig in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Und dann schließt sich so ein Teufelskreis.

Und warum spricht man auch als Betroffene, als pflegende Angehörige so wenig darüber, zum Beispiel im beruflichen Umfeld darüber, weil man ähnlich wie mit so vielen anderen Krankheiten und der Krebs ist da leider eine traurige Parallele, weil gerade im beruflichen Kontext viele Menschen immer noch mit so einem Stigma die Krankheit belegen im Sinne von jetzt nicht noch mit persönlichen Sorgen hier am Arbeitsplatz kommen.

Zum einen, weil es möglicherweise den Eindruck erweckt, man sei da nicht so richtig belastbar, wenn man zu Hause auch noch so eine also auch emotionale, aber vor allen Dingen auch körperlich belastende Baustelle hat.

Und zum anderen, weil es, das ist so meine Erfahrung, vielen Menschen fast so eine Art Freiraum gibt, in gewissen Lebensbereichen das Thema auszublenden. Und der Anspruch muss eigentlich sein, dass sowohl Betroffene als auch pflegende Angehörige, und da haben Sie vollkommen recht, das sind schockierende Zahlen, fünf Millionen Menschen in Deutschland betroffen, sind pflegende Angehörige und das ist eine enorm große Gruppe von Menschen, die genau diese Unterstützung vor allen Dingen, und das ist so mein Anspruch, am Arbeitsplatz erfahren müssen und sollen. Also Care-Arbeit ist ein so wichtiger Bereich, der für viele Unternehmen nicht ausreichend erkannt und auch im besten Sinne begleitet wird.

Also habe ich als Unternehmen durchaus auch die Verantwortung für meine Mitarbeitenden, sie in persönlich belastenden Situationen zu begleiten. Ganz klare Antwort, auf jeden Fall, weil ich möchte ja als Unternehmen idealerweise mehr sein als nur der Arbeitsplatz, sondern irgendwie auch eine Form von, also mindestens mal einem Wohlfühlort, einer Art Heimat, wo ich durchaus auch die Gewissheit haben kann, dass in schwierigen persönlichen Phasen des Lebens, die uns alle über kurz oder lang betreffen, mein Arbeitgeber, meine Arbeitgeberin mich mindestens unterstützt und idealerweise auch individuell begleiten kann.

Trotzdem habe ich das Gefühl, es sind ja viele Führungskräfte, die dann zum Beispiel auch sagen, Pflege ist Privatsache der Mitarbeitenden. Wieso sehen Sie das so anders? Gibt es da einen Aha-Moment oder ist es vielleicht auch die eigene Erfahrung?

Es ist sowohl als auch. Also wir sind als Familie, also wir sind ein Familienunternehmen und das hat viel mit der Art, mit der Unternehmenskultur zu tun, wie wir dieses Unternehmen, die Funke Mediengruppe, seit 2021 muss man sagen, in alleiniger Familienhand auch führen. Und seitdem wir quasi, meine beiden Geschwister, unsere Mutter und ich, die alleinige Verantwortung tragen, hatten wir tatsächlich auch den Wunsch und den Anspruch, die Unternehmenskultur in so einem großen Medienunternehmen, das über viele Jahrzehnte lebt, immer größer wurde, in unzähligen Strukturen, jeden Tag an unterschiedlichen Standorten bundesweit funktionieren muss, dem Ganzen auch wirklich eine Familienseele und eine Art Wertekatalog mitzugeben. die dieses Unternehmen prägen sollen. Und dazu gehören tatsächlich menschliche Werte, die das Miteinander und den gegenseitigen Respekt, die Diversität, die Art, wie wir miteinander kommunizieren, das alles gehört da hinein. Das kann man sicherlich auch in sehr alten, verkrusteten Strukturen, wie sie auch sicherlich bei Funke vielfach noch zu finden sind, das kann man nicht über Nacht ändern. Aber uns war es wichtig, diesen Anfang zu machen und Care-Arbeit ist seit einigen Jahren ein Thema, was wir bei Funke sehr ernst nehmen. Wir haben eine eigene Stabsstelle initiiert vor drei Jahren, Cultural Affairs nennt sich das. Das wird geführt von Yvonne Weiß, die sich für alle Fragen der Diversität in unserem Unternehmen als Ansprechpartnerin auszeichnet.

Und da gehören, und das sind dann die Aha-Momente, da gehört so viel mehr hinein als nur eine Frauenquote oder ein Equal-Pay-System für Männer und Frauen. Weil die Arbeit, die Mitarbeitende, die zu Hause eben noch Angehörige pflegen zu leisten haben, ist eine doppelte Belastung. Und da sehen wir uns als Unternehmen gefordert. wie ich das vorhin versucht habe zu erklären, auch in diesen schwierigen Lebensphasen als Unternehmen da zu sein. Und deswegen war es in Kombination mit der persönlichen Erfahrung, die wir fast zeitgleich mit der Übernahme unseres Unternehmens, der vollständigen Übernahme gemacht haben, also die persönliche Erfahrung, die wir gemacht haben, dass sowohl unser Vater als auch der Mann unserer Mutter fast zeitgleich an Demenz erkrankt sind und das hat uns nochmal persönlich darin bestätigt, dass es so wichtig ist, diesen Weg zu gehen, sowohl das berufliche als auch das familiäre in Einklang zu bringen, wo auch immer das nötig, aber auch möglich ist und insofern sind da

Zwei Komponenten zu einem Zeitpunkt zusammengekommen, die, und das kann ich jetzt nach, unser Vater ist vor vier Jahren verstorben, unser Stiefvater vor drei. Ich glaube, es war auch den beiden wunderbaren Männern geschuldet, genau der richtige Weg, den wir gegangen sind. Und ich bin froh, dass wir bei Funke da tatsächlich viele Dinge in Bewegung gebracht haben.

Und das wäre mein Wunsch, unseren Mitarbeitenden zeigen, okay, ich bin nicht alleine, auch in diesem sehr besonderen, belastenden Lebensbereich.

Inwieweit hat denn da Ihre eigene Erfahrung, auch im Erleben dieser Erkrankung, ja auch dann begleitend über mehrere Jahre dazu beigetragen, quasi den Mitarbeitenden eine bessere Unterstützung, ich weiß es gar nicht, oder auf jeden Fall eine Unterstützung zu bieten?

Es hat vor allen Dingen ganz viel mit dem Nichtwissen zu tun. Also all das, was ich jetzt persönlich mit meinen Geschwistern, mit unserer Mutter nicht wusste, als die Diagnose, die beiden Diagnosen klar waren und dieses sich stückweise Herantasten an ein Mehrwissen, an Wissen. Häufig sind es sogar zufällige Bekanntschaften mit besonders empathischen Ärzten, mit einer Pflegekraft, die einem nochmal wirklich lebensverändernde Tipps und Hinweise gibt, bis hin zum Palliativdienst, der dann irgendwann in der letzten Phase in die Familie kommt und der wiederum so einen Mehrwert hat, wenn man das Thema versteht und auch im richtigen Sinne bereit ist anzunehmen.

Und ich hätte mir gewünscht, dass wir Desideria auch als Familie schon sehr viel eher gekannt hätten, weil diese Unsicherheiten, die man im Umgang mit dem Erkrankten hat, aufgefangen werden können. Und da bin ich sehr von überzeugt, durch diese Sicherheit. Es gibt eine wunderbare Community, die dafür schon die richtigen Antworten, die diesen Weg schon gegangen ist, die Menschen kennt, denen es genau so jetzt geht.

Und das Nichtwissen und das nicht darüber ausreichend aufzuklären, das sehe ich als Verlegerin dieses großen Medienunternehmens natürlich als eine unserer Kernaufgaben. Das sind Themen, die die Menschen da draußen wirklich in ihren Sorgen begleiten, was wir als regionales Medienhaus uns natürlich auf die Fahne schreiben. Also da zu sein, die Nöte und Ängste der Menschen zu erkennen und sie darin zu begleiten mit verlässlichen und auch wirklich wertigen Informationen, mit den richtigen Ansprechpartnern, mit den richtigen Experten, die in Talkrunden, in all dem, was so ein Medienhaus an Kanälen zur Verfügung hat, erreichen. Da ist ein großes Bedürfnis da draußen und wir haben das, da bin ich sehr selbstkritisch, selbst viel zu lange nicht erkannt, welche große Lücke, was die Informationen, die verlässlichen Informationen angeht, die auch wir als großes Zeitungsunternehmen in dem Fall mit vielen Magazinen, die genau sich auch mit diesen Themen beschäftigen. Also da haben wir selber einen weiteren Aha-Moment gehabt, nämlich was alles noch dazu zu sagen wäre. Ja.

Also das geht vielleicht mit so einem persönlichen Aha-Moment einher, könnte ich mir vorstellen. Sie haben gesagt, dieses Gefühl, man weiß nicht genug, man bräuchte eigentlich mehr Informationen, aber die Frage ist, wo bekommt man sie her, wie informiert man sich und dann sind es vielleicht zufällige Bekanntschaften oder Treffen. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Man weiß nicht so richtig, an wen wendet man sich und an den offiziellen Stellen, das ist oft irgendwie so eine Glückssache. Hatten Sie so einen Aha-Moment, wo Sie gemerkt haben, das verändert jetzt den Alltag, das verändert alles grundlegend?

Also das war sicherlich im Falle meines Stiefvaters, den unsere Mutter zu Hause auch wunderbarerweise genauso, wie wir unseren Vater zu Hause bis zum Ende begleiten konnten. Ich glaube, der Aha-Moment war, wo wirklich Pflegepersonal zur Hilfe kam. Und die Entscheidung, das zuzulassen, nach sicherlich einer in der Rückschau viel zu langen Phase des Alleinemachens,. Das macht halt diese Diagnose. Also aus ärztlicher Sicht ist es sicherlich vollkommen klar. Da wird dann irgendwie an den entsprechenden Parametern die Diagnose festgemacht. Aber für Menschen, die eben im Alter vergesslicher werden, die vielleicht auch unsicherer werden in der Motorik, dann ist es ein Prozess, der immer so ein wahnsinniger Balanceakt ist zwischen, das ist halt dann jetzt das Alter und ab wann mutet man einem alten Menschen eben auch zu, in einen ja dann doch sehr ärztlich gesteuerten Prozess einzusteigen.

Also das war, fand ich, fast auch mit größte Hürde, ab wann spricht man es aus, ab wann geht man zum Arzt, ab wann holt man sich Hilfe und da braucht es sicherlich erstmal die entsprechenden Anlässe, dass aus dem sich irgendwie so zu Hause arrangieren dann doch irgendwann die Klarheit kommt, okay, wir müssen jetzt was tun. Und als die Diagnose erfolgt war, war auch dann ein relativ neutraler Weg. Wird dann ja durch die Ärzte aufgezeigt, wie ist jetzt im weiteren Verlauf auch durch medikamentöse Begleitung erwartbar, also was die Erwartung ist, wie dieser Prozess jetzt weitergeht. Und dann zuzulassen, ab einem gewissen Moment, und da spielt halt diese große Unsicherheit der Betroffenen, also die pflegenden Angehörigen, ab wann darf ich mir Hilfe holen, ab wann lasse ich auch zu, dass in so das privateste Umfeld, in das eigene Schlafzimmer fremde Menschen hineinkommen. Und wie viel muss ich als gesunder Partner, Kind, Tochter, wie viel muss ich eigentlich aushalten, um dem vorzubeugen? Und ich fand das wirklich einen schwierigen Prozess, weil es auch für uns Kinder, glaube ich, man möchte so gerne helfen und man ist doch als Angehöriger, gerade so, wenn es die Generation der Eltern angeht, man ist ja dann doch, man bleibt immer wieder Kind und möchte auf der anderen Seite gerade,

Was unseren Vater anging, vieles quasi noch auch so aus dem eigenen Verständnis heraus, das ist doch unser Vater. Und ich glaube, man hat dann nochmal so eine innere Reise zu durchleben, ab wann man wirklich versteht, jetzt müssen wir es umkehren, jetzt braucht er unsere Hilfe. Und wir müssen ihm das so, wenn ich jetzt von unserem Vater spreche, wir müssen es ihm so möglich machen, dass er sich nicht mehr so einig ist, dass er das gut annehmen kann und auch selber nicht in diesem Kampf irgendwie hängen bleibt. Das braucht ihr nicht, ihr könnt mich doch jetzt hier nicht. Also es gibt ja auch immer wieder diese sehr lichten Phasen, also diese klaren Phasen, was das Fatale an der Demenzerkrankung ist, dieses so klare Bewusstsein, ich werde jetzt gerade von meinem Sohn gefüttert.

Und das macht halt dann, ich finde, auch die Qualität dieser Pflegearbeit aus, was Angehörige betrifft, daraus aber dann irgendwann zu verstehen, dass dieses Entstehen einer sehr tiefen und ich finde immer noch sehr heilsamen, auch nach dem Tod bleibenden Tiefe, was die Bindung angeht, also dieses gute Gefühl, man konnte sich kümmern, auch wenn man die Rollen komplett neu definieren musste und beide Seiten das zugelassen haben, dass es jetzt so ist. Die Erkrankte kann das eben aufgrund der schwindenden Ressourcen, die können schneller loslassen, weil sie es vergessen haben. Aber es gibt immer diese, ich habe das immer so für mich so Flashbacks genannt, es gibt immer wieder so dieses, wenn man in die Augen schaut und merkt, da ist jetzt wirklich eine große Abwehr und ein großes, und man selber ist auch in einem, ich möchte es eigentlich nicht so gerne machen, aber ich weiß, es ist jetzt einfach zu tun.

Und da wiederum habe ich erkannt, wie wichtig es ist, dann Menschen, die dafür auch die nötige Ausbildung, Qualifikation und die emotionale Stärke, Bereicherungen und Begleitungen sind, die dann sagen, lass mich das machen. Also es geht ja hin bis zu sehr intimen Bereichen. Und wie wichtig und gut es ist, dass es dann diese Menschen gibt, die kommen und sagen, ich weiß genau, was sie jetzt fühlen, lassen sie mich das machen, lassen sie los. Und wie oft habe ich dieses Loslassen gedacht, meiner Mutter gewünscht, mir selber auch übel genommen, dass ich so gerne loslasse, dass ich so gerne gesagt habe, ja klar, nichts lieber als das, machen Sie das gerne.

Und daraus entsteht etwas, was mich so sehr bewegt, auch wenn ich darüber spreche, nämlich dieses Anerkennen, was Menschen auch in ihrer Art von Pflegediensttätigkeit an großer sozialer Hingabe jeden Tag bereit sind zu liefern, unter Arbeitsbedingungen, die wirklich, Entschuldigung, unter aller Sau sind, die so eng getaktet sind, was das Zeitfenster angeht, die so gerne mehr sprechen würden, wissen aber, sie haben nur acht Minuten zur Versorgung und dann geht es weiter. Die bezahlt werden in einer Art, die auch überhaupt nicht dem gerecht wird. Also unser ganzes Pflegesystem hier ist in so vielerlei Hinsicht, ich weiß, im Vergleich europaweit sind wir hier ganz weit vorne, aber nichtsdestotrotz, in dem Moment, wo es das Nächste betrifft, was man so hat im Leben, nämlich die Familie, erst dann werden einem die Augen geöffnet und man erlebt wirklich mit, was das für eine herausragende Leistung ist, wenn es um Pflegedienst, aber auch natürlich um die Sterbebegleitung geht. Das war mein Aha-Moment.

Danke für die Einblicke. Ich habe da ganz viel mitgefühlt. Ich kenne dieses Loslassen und auch dieses merkwürdige Gefühl von, werde ich jetzt übergriffig? Plötzlich Entscheidungen für meine Mama fällen muss. Und gleichzeitig ein Partner, mein Vater, der das nicht wollte. Und als Kind ist man da manchmal irgendwie in vielen Phasen hilflos und gleichzeitig trauert man irgendwie und denkt sich, jetzt stell dich nicht so an. Du hast diese Krankheit nicht, du musst das jetzt hinkriegen. Und ich glaube, da herrschen auch ganz oft diese Bilder vor, man muss das doch hinbekommen als Angehöriger. Ich muss doch stark sein, ich muss da durch. Und ja, das tut uns da irgendwie nicht so richtig gut an dieser Stelle.

Nein, und es ist ehrlicherweise so, und das kommt ja noch dazu, es sind dann die Gespräche, die so am Pflegebett mit den Menschen stattfinden, die die Unterstützung dann leisten. Also die dann noch die Zeit haben, das auszusprechen, was einen da innerlich so fast zerreißt. Dieses, eigentlich möchte man viel mehr tun. Und dann ist innerlich sowohl diese, ich kann das nur so beschreiben, das ist wie eine, man will so gerne weiter Kind bleiben. Also in dieser besonderen Konstellation, Kind und Vater oder Tochter und Vater.

Bei meiner Mutter war es sicherlich anders, wenn man den Partner begleitet, betreuen muss. Aber es ist einfach ein fast wütend sein darüber, dass einem jetzt hier so die Beziehung, die doch jahrzehntelang gut da war, gut gesund da war, dass die auf einmal verschwindet. Und wie viele Gespräche ich geführt habe mit den Pflegern, mit den Pflegerinnen, die häufig ja auch aus ganz anderen Hintergründen kommen. Wir hatten einen wunderbaren jungen Mann aus Syrien, der unseren Stiefvater wirklich so das letzte halbe Jahr begleitet hat. Da war unser Stiefvater schon bettlägrig und war ein großer Mann, stattlicher Mann. Er hatte ein wirklich wunderbares Leben zu Hause bei unserer Mutter. Aber sie war zum Beispiel rein praktisch gar nicht in der Lage, ihn mit dem Rollstuhl zu schieben.

Und dann kam durch einen Zufall, und ich glaube, das war wirklich eBay-Kleinanzeigen, meine Schwester hat das irgendwo gesehen, kam dieser wunderbare Abi zu uns, ein großer, bildschöner, junger Mann. Und der hat, es war ein bisschen wirklich kitschig, vergleichbar mit dem Film „Ziemlich beste Freunde“, der hat unseren Stiefvater mit weit über 90 in diesen Rollstuhl gesetzt und ist mit dem losgefahren. Und wir wohnen jetzt in einer Gegend, da muss man schon erstmal so einen Berg hochschieben. Um das kurz zu machen, der hat so wunderschöne Ausflüge mit diesem alten Mann gemacht, indem er ihm einfach etwas gegeben hat, was wir nicht geben konnten. Diese Beweglichkeit, die Sonne, das, was eigentlich da draußen noch auch was gut tut, gerade bei Menschen, bei dementen Menschen, die Außenreize, die Vögel. Also hat tolle Ausflüge gemacht, ist Bus gefahren und sie kamen beide abends immer richtig glücklich nach Hause. Und das Schöne war, dass auch der Abi, dass das für ihn so eine beglückende Zeit war.

Und deswegen ist es mir einfach auch wichtig, diese Pflegearbeit zu unterstützen, wo wir das auch als Unternehmen können mit der Reichweite, dass man darüber sprechen muss. Aber am Ende braucht es immer dieses Vertrauen. Und das ist so meine Erfahrung. Man trifft auch auf den allerschwierigsten Wegen, und dazu gehört sicherlich genau diese Demenz, man trifft unglaubliche Menschen, die einem das leichter machen, die helfen zu tragen, die einem in die Augen schauen oder die mit dem, manchmal sind es auch Sprachbarrieren, aber man spürt auf einmal, da sind Menschen da, Die haben einen Grund, warum sie da sind und zwar, weil sie sich dafür entschieden haben. Und das finde ich ehrlicherweise, das berührt mich, das bewundere ich und das sind eigentlich die echten Vorbilder, um die es gehen muss.

Da sind wir beim Stichpunkt. Das interessiert mich natürlich sehr. Also weil Medien formen das, worüber und wie gesprochen wird und was wir nicht als Thema benutzen. Inwieweit sehen Sie da eigentlich auch Ihre gesellschaftliche Aufgabe als Verlegerin? Also was kann die Funke-Gruppe, was können Medien überhaupt dazu beitragen?

Also ich glaube, was ich gerade im Besonderen von Désirée von Bohlen und Halbach gelernt habe, ist die Notwendigkeit, wir müssen viel mehr aufklären darüber, was es alles schon gibt, was es an Initiativen gibt, was es auch an Unterstützung für pflegende Angehörige, an Coachings gibt. Die ganze Bandbreite, alles, was man quasi bei Desideria auf der Website findet, das in eine breite Masse der Gesellschaft zu tragen, das können wir. Da haben wir die Reichweiten, wir haben eine Millionenreichweite jeden Tag mit Tageszeitungen, Magazinen, digital. Also diesen Push, diese Reichweitenverlängerung, das können wir. Und wir können es deswegen gut, weil es, das habe ich vorhin angesprochen, ein Thema ist, was die Menschen interessiert, gerade im Regionalen, im Lokalen, wirklich interessiert. Also natürlich ist unser Auftrag auch, über das nachrichtliche Geschehen zu berichten. Und ja, auch die Magazine haben einen großen Unterhaltungsauftrag. Das ist auch irgendwie so der Kit in der Gesellschaft. Aber wir haben dazwischen eine große Nische in Deutschland, gerade in den Medien und Sie als Journalistin haben, glaube ich, genau das erkannt. Es gibt eine große Nische, die nicht besetzt ist und die heißt Krankheit. Und die Art, wie wir darüber berichten, mein Verständnis ist, wenn es immer nur gerade im Tageszeitungsjournalismus darum geht, über die Sterbezahlen, über die Bedrohung, die neuen, auch seit Corona hat sich da so viel auch in der Dynamik nochmal verändert, die Sterberaten, die Inzidenzen. Da waren wir auf einmal wahnsinnig interessant, auch für Zielgruppen, die uns quasi als Medium so nicht mehr täglich lesen und benutzen wollen. Da waren wir wieder so die Informationsquelle und im Kern ging es natürlich immer um Alarmierendes. Und ich glaube, wir müssen verstehen, dass Volkskrankheiten, Demenz, Schlaganfall, Herzinfarkt, das sind Erkrankungen, die wirklich den Alltag von so vielen Millionen Menschen beeinträchtigen und auch in Zukunft beeinträchtigen werden. Und darüber in einer konstruktiven Art zu berichten, nämlich über Früherkennung, über Begleitungsthemen, also alles, was es gibt.

Ich kann das ein bisschen vergleichen. Wir sind bei Funke seit drei Jahren unterstützen wir die Krebs-Community YesWeCancer. Das ist Europas größte Selbsthilfe-Community für Menschen mit Krebs. Wir machen einen großen Kongress in Berlin. Es gibt eine App. Und all das, also eine Anlaufstelle zu sein, wenn es mich betrifft, wenn ich jemanden kenne, den es betrifft. Eine Veranstaltung, großes Event mit Selbsthilfeorganisationen, die man besuchen, befragen und einfach mal sich anschauen kann zu haben. Das machen wir im Bereich Krebs und genau das wäre mein Wunsch auch für die Demenz zu tun. Ein Erleben von A, ich komme in den Austausch mit Gleichgesinnten, Gleichbetroffenen, weil es so gut tut, zu erkennen, da sind Menschen, die zu einer großen Veranstaltung kommen, die alle die gleiche Motivation haben. Und darüber aufzuklären, was auch in der Hirnfrüherkennung, also Hirnvorsorge, ist ein Wort, was ich schwer aussprechen kann, weil es halt nicht gängig ist. Aber es gibt wunderbare, zum Beispiel hier das Klinikum, Uniklinikum in Essen, Professor Kleinschnitz, da gibt es eine riesige neue Abteilung europaweit führend, die sich mit der Früherkennung für Hirnerkrankungen beschäftigen. Das weiß bloß keiner, dass man auch mit einer Demenz idealerweise zur Vorsorge, also dass man mit dem Gehirn zu einer Vorsorge geht, um einer kommenden Demenz entsprechend entgegenzuwirken und das würde ich halt gerne ändern.

Ja, da gibt es ganz spannende Studien, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. Und ich glaube wirklich, dass viele Menschen darüber nicht Bescheid wissen. Ich komme ja aus dem Gesundheitsjournalismus und ich habe das Gefühl, dass Gesundheit, Medizin immer nur so als Nische im Journalismus betrachtet wird. Und ja, ja, ja, die schreiben darüber, aber eigentlich ist es kein Thema für uns. Und falls sowas wie Pflege oder Demenz mal Thema ist, dann ist es politisch. Dann geht es um die große Krise. Und mich ärgert das immer ein bisschen, weil ich mir denke, ich weiß einerseits, wie es pflegenden Angehörigen, wie es Betroffenen geht. Es gibt wahnsinnig viele Unterstützungsangebote. Viele Menschen wissen überhaupt nichts davon, wissen nicht zum Beispiel über sowas wie, dass es eine Pflegeberatung gibt, die jeder kostenlos nutzen kann, mehrmals so oft, wie man braucht. Und diese Pflegeberatung, da gibt es super gute Studien, die zeigen, dass die einen entscheidenden Unterschied macht, ob jemand eine Unterstützungsleistung annimmt. Und ich frage mich immer, wie können wir das in den Medien ändern? Also ich mit meinem kleinen Teil, aber generell, wie kann man das größer ändern, dass es konstruktiver wird, dass Menschen sich auch trauen, Unterstützung anzunehmen? Vielleicht ist es das erstmal, irgendwo hinzugehen und nicht weiter zu denken, ja, ich muss das ja schaffen.

Es hat vor allen Dingen etwas mit unserem Selbstverständnis zu tun, was irgendwie noch so aus, also in meinem Fall kann ich das sagen, ich bin so groß geworden, dass man nach außen hin, never complain, nach außen hin ist immer alles tipptopp. Und wenn die Nachbarn fragen, dann ist das bei uns immer alles gut. Also dieses sehr deutsche Verständnis von nach außen hin immer schön lächeln und innen dann halt, also zu Hause die Dinge, ich beziehe das nicht auf mich, aber ich habe häufig das Gefühl, dass wir super gut sind in Deutschland, so zu tun als ob. Und in Wirklichkeit sieht es ganz anders aus. Und wenn ich mal auf unsere Medienbranche schaue, dann habe ich in den letzten Jahren, also ich persönlich, viel, glaube ich, schon anstoßen können, indem ich dafür arbeite, immer wieder geworben habe, bitte auch die Medienkrise, das Printsterben, all diese Schlagworte im konstruktiven Sinne miteinander zu diskutieren. Also wir können immer gut entweder sagen, es ist alles fantastisch oder es ist quasi kurz vor Exitus und dazwischen bleibt einfach der wichtige und der grundgesunde Raum für die Auseinandersetzung, das Diskutieren, damit wir wirklich zu mehr Erkenntnissen kommen. Das bleibt irgendwie auf der Strecke.

Man muss sich auch gerade, finde ich, im Journalismus mal davon verabschieden, dass die Menschen da draußen sich nicht über Krankheiten informieren wollen und zwar über das geübte Format von das tun sie bei Blähungen und das empfehlen wir bei Blasenschwäche, sondern wirklich im Kern die Dinge auch diesen journalistischen Bereich neu aufladen über viel mehr auch Live-Formate. Also dieser Podcast ist eine wunderbare Form, finde ich, um dabei zuzuhören, wie sich zwei Menschen über ein Thema austauschen, was für so viele andere eine Relevanz hat. Und wir können natürlich immer noch messen, wie viele Leute unsere Artikel zu solchen Themen, also dieser Art, lesen. Aber darüber hinaus gibt es Menschen, die eine andere Art auch von Kanal wünschen. Also sie werden feststellen, dass auch ihre Abrufzahlen – sonst würden sie ja keinen Podcast machen, dass das eine große Bestätigung dafür ist. Es gibt wirklich da eine große Gruppe von Interessierten und für die müssen wir einfach bessere Angebote machen. Wir müssen vor allen Dingen, wie Sie es richtig sagen, konstruktiver berichten und nicht immer das dramatische Prognose nach Demenzdiagnose, Lebenszeiterwartung etc., sondern sagen, wie können wir diese Zeit qualitativ für den Betroffenen, die Betroffenen, aber für das gesamte Umfeld so gut wie möglich gestalten. Und dafür müssten sie Folgendes wissen. Und nochmal, dafür möchte ich einfach auch den Pflegebereich, und das werden wir bei Funke auch in diesem und im nächsten Jahr massiv aufbauen, dass wir gerade den Pflegebereich journalistisch aufladen, um dort auch für Unterstützung, für Vernetzung, aber auch für ein Sichtbarwerden sorgen. Ich möchte so vielen Menschen gerne zu so einem Abi, wie wir ihn bei eBay gefunden haben, verhelfen. Und ich würde dem Abi auch wünschen, dass der mit dieser tollen Fähigkeit nicht bei eBay Kleinanzeigen hinter einem 35 Jahre alten Moped landet. Also es muss dafür geschützte und qualitativ hochwertige Räume geben, an die man sich dann wenden kann, wenn man selbst betroffen ist in der Familie.

Das klingt wunderbar. Ich glaube, diese Räume braucht es. Es braucht mehr Sichtbarkeit für das Thema jenseits der Angst. Die hat man schon alleine. Und es ist eigentlich, vielleicht ist das ein bisschen hochgestochen, aber schon irgendwie Aufgabe der Medien, auch diese Angst zu nehmen, Mut zu machen, weil das ist eine ja doch sehr lange Lebensphase. Und man kann da gut durchkommen, wenn man nicht alleine bleibt, habe ich die Erfahrung gemacht.

Ja, und wenn man auch den Mut hat, und das fängt ja tatsächlich bei der allerpersönlichsten Entscheidung an, da offen drüber zu sprechen. Und ich weiß, dass ich persönlich mich sehr lange auch so im Umfeld unseres Vaters damit schwergetan habe, zu sagen: „Er ist jetzt dement“, wenn sie nach ihm gefragt haben. Weil man das innerlich assoziiert mit einem Bild von, er funktioniert jetzt nicht mehr so richtig. Unser Vater war ein wahnsinnig humorvoller, lebensfroher Mensch. Und irgendwie setzt dann so ein Schutzbedürfnis ein, dass wenn Freunde in seinem Alter, die möglicherweise das allergrößte Verständnis dafür hätten und haben, weil sie es vielleicht auch aus dem eigenen Alltag fast schon ein bisschen, vielleicht gibt es da auch schon Menschen, die erste Anzeichen bei sich erkannt haben oder sicherlich kennen die jemanden.

Es ist der falsche Impuls, zu sagen, ja, es ist alles gut, er wird jetzt so ein bisschen ruhiger. Man kommt da in so eine merkwürdige Erklärung, wo ich dann nachher immer gedacht habe, warum sagst du nicht einfach, er ist jetzt dement? Und ich weiß, als ich mich irgendwann dazu entschlossen habe, dass natürlich, und das ist diie Erfahrung, die so viele Menschen auch kennen, wenn man es einmal ausgesprochen hat, bekommt man viel mehr Anteilnahme, ist das falsche Wort, aber es gibt so viel mehr Austausch, weil das Nachfragen und die Anteilnahme. Das ist ja ehrlicherweise ein sehr schönes Gefühl, wenn etwas zurückkommt. Und da möchte ich vielleicht auch meinen Kindern später irgendwie mit auf den Weg geben, wenn es mit mir mal später so wird, bitte habt niemals Sorge, dass ihr irgendwie nicht sagen dürft, das ist eine Krankheit. Ihr müsst offen sprechen können, weil sonst wird es zu einer Belastung, die einem so den Hals zuschnürt. Und dann beherrscht die Angst dieses Thema von Anfang an. Und genau da wollen wir raus.

Und war das auch ein Gefühl von Scham?

Ja, also Scham im Sinne von, jeder hat dann, glaube ich, in dem Moment, mit dem man dann spricht, so gewisse, man merkt es an den Rückfragen, dass sowohl Erfahrungen dann geteilt werden, wie es bei deren Eltern war. Und man kommt dann in so eine Vergleichbarkeit. Und da, ich weiß nicht, ob es Scham ist, aber ich hatte irgendwie immer das Gefühl, so viel will ich jetzt auch nicht von dem preisgeben. Sie sollen ihn genauso in Erinnerung behalten, wie er war. Für mich war es interessanterweise eine jedes Mal wahnsinnig persönliche, das ging immer sehr nahe, wenn mir solche Fragen gestellt wurden, weil ich innerlich immer noch so diesen Kampf dann gespürt habe, wie ich meinen Vater bitte weiterhin für mich sehen möchte, auch wenn das längst nicht mehr der Realität entsprach.

Und es war immer ein bisschen ein Abwägen zwischen Realität und ein bisschen Fake. Und eigentlich muss man ganz offen und ehrlich drüber sprechen können. Aber das hat für mich eine lange Zeit gebraucht, bis ich das konnte.

Jetzt so mit dem Wissen von heute und dem Weg, den Sie gegangen sind. Was würden Sie der Julia von damals raten?

Gut, mit dem Wissen von heute hätte ich ein anderes Vertrauen. Ich wüsste, ich bin erstens mal nicht alleine, das war ich auch da nicht, weil ich habe Geschwister, die diesen Weg mit mir gegangen sind und ein Umfeld. Ich wüsste aber, dass es von dem Moment an, wo man wirklich eine Diagnose bekommen hat, also als Angehörige mit einer Diagnose konfrontiert wird. Ich glaube, mein erster Weg wäre tatsächlich zu einer Organisation wie Desideria. Ich kenne keine vergleichbare. Deswegen ist das für mich meine Anlaufstelle, die ich auch seitdem schon oft weiterempfohlen habe. Weil ich bin jetzt, werde 54. Ich kenne natürlich in meinem Alter viele Menschen, die genau mit diesen Themen jetzt konfrontiert werden. Und ich sage immer, schaut euch das an. Sucht euch frühzeitig Hilfe und genießt wirklich jeden Tag.

Ich war ganz lange mit meinem Vater so, dass ich gedacht habe, wir haben wahnsinnig viel Reisen auch zusammen gemacht und dann wird es irgendwann schwieriger. Und statt dann zu sagen: „Das nächste Mal lassen wir Papa vielleicht zu Hause.“ , eigentlich muss man es genau jetzt machen. Und das war ein Erlebnis, was ich auch bei unserem Abend hier in Essen mit Desideria hatte. Da hat ein Fotograf eine wunderbare Reise mit seinem dementen Vater gemacht. Und ich glaube, genau darum geht es. Zu wissen, ab jetzt beginnt ein letztes Kapitel und das so schön und so erlebnisreich und so nachhaltig zu erleben, wie es irgendwie geht. Und Sie haben das eingangs so schön gesagt, es verändert das Leben. Es ist absolut so viel Lebenswert da noch drin, weil man weiß, genau die Erinnerungen, die man irgendwann nicht mehr gemeinsam teilen kann, teilen wird können, die bleiben aber mindestens für die Angehörigen, die halt weiterleben. Und dazu gehört so ein Akzeptieren und ein Vertrauen auch in eine Erkrankung, die, ich weiß nicht, ob sich das komisch anhört, aber ich habe meinen Vater und auch meinen Stiefvater in einem so großen Frieden erlebt, je dementer sie wurden. Was naheliegend ist, weil mein Vater, unser Vater war auch an Krebs erkrankt und diese Krebserkrankung spielte gar keine Rolle mehr. Auch nicht mehr für ihn, weil er sie dann tatsächlich irgendwann vergessen hatte.

Und dieser Frieden, der dann irgendwann eintritt über die kleinen Dinge des Lebens, dieses jeden Tag eigentlich bestmöglich gemeinsam zu genießen und nicht im Kopf zu haben, ach, das geht jetzt auch nicht mehr und so. Ich glaube, es ist ein wahnsinnig schwieriger Satz, wenn ich jetzt auf Ihre Frage antworte, jeden Tag genießen, wie er ist. Ich weiß nicht, ob ich es jetzt genau so könnte, schon könnte.

Aber ich habe gelernt, man ist wirklich nicht alleine. Und diese Hilfsmöglichkeiten frühzeitig zu kennen und vor allen Dingen auch das Thema der Palliativbegleitung frühzeitig anzudenken, ist eine große Erleichterung, weil man danach nicht mehr quasi mit der größtmöglichen Angst konfrontiert wird. Aber was mache ich denn, wenn er nicht mehr schlucken kann und so. Also ich hätte jetzt das Vertrauen, auch weil wir diesen Weg jetzt zweimal gegangen sind, man hat die Gewissheit, wenn man sich dafür entschieden hat, es auch in dieser Form, wir konnten es zu Hause begleiten, es hat in beiden Fällen zu einem sehr friedlichen Ende geführt. Und das gibt mir eigentlich die Kraft, da jetzt auch hoffnungsvoll zu sagen und auch dafür zu werben.

Es ist eine tragische, es ist eine wahnsinnig tragische Krankheit, weil so viel eben verloren geht, solange der Mensch noch da ist, was normalerweise erst für nach dem Tod vorgesehen ist. Aber es ist eine Erfahrung, die mir persönlich nochmal eine unglaubliche Nähe und eine Tiefe in diesem Miteinander geschenkt hat. Übrigens auch zu meinen Geschwistern, zu meiner Mutter.

Ich wollte gerade sagen, auch für Sie als Familie hat das ja wahrscheinlich einiges verändert. Wie haben Sie das geschafft? Weil das ist ja durchaus auch mit Herausforderungen verbunden. Da sind unterschiedliche Ansichten. Jeder steht irgendwie vielleicht auch an so einem anderen Punkt im Leben. Wie haben Sie das geschafft?

Ich glaube, weil wir eigentlich unter uns drei, wir sind drei Geschwister und auch mit unserer Mutter, ich glaube, wir haben wirklich gut miteinander viel gesprochen. Wir haben uns viel diese Fragen gestellt, die wir eigentlich an anderer Stelle hätten stellen müssen. Und wir haben, glaube ich, aus einem sehr guten gemeinsamen Bauchgefühl heraus die richtigen Dinge tun können. Meine Geschwister leben beide in Essen, die waren dadurch quasi noch immer näher vor Ort. Das ist auch eine Belastung, wenn man weiß, man wohnt im Grunde genommen um die Ecke.

Und es gibt die Situation, auch noch bevor der Pflegedienst dann regelmäßig da war, das finde ich auch, das ist ein Punkt, der mir wichtig ist, auch anzusprechen. Es gibt so viele alte Menschen, die alleine leben, sich auch sehr bewusst dafür entscheiden. Es gibt ja dann immer dieses sehr typische, aber sie möchten keinen Pfleger und sie möchten noch nicht mal irgendwie leben. Ein Alarmknopf, weil ab dann wahrscheinlich so dieses erste erkennbare Zeichen von ihr traut mir nicht mehr zu, dass ich alleine leben kann, eintritt. Und das ist für Kinder, und da bin ich wahnsinnig dankbar auch, dass meine Geschwister, dass wir diese Sorge irgendwie versucht haben, in irgendeine Lösung zu bringen. Also zu wissen, da lebt ein alter Mensch alleine und er ist sichtbar nicht mehr in der Lage dazu. Was tut man dann? Und da bin ich froh um auch Themen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Also diese Sturzuhren, die hatten wir, als unser Vater erkrankt war, gab es vielleicht sowas, aber wir wussten das nicht. Und das ist schon ein kleiner Unterschied, zu wissen, dass ein Mensch diese Uhr trägt und wir wissen, wenn er stürzt, gibt sie ein Signal und sagt auch, wo er gestürzt ist. Das ist schon mal die erste Versicherung. Aber

Ich würde sagen, meine Geschwister und auch unsere Mutter, wir haben das gemeinsam so gut hingekriegt, dass es am Ende auch gemeinsam ein bisschen stolz darauf sei, dass wir da als Familie noch näher zusammengerückt sind. Ein Wissen, dass man sich aufeinander verlassen kann und ein gemeinsames Familienbedürfnis, gerade für diese besondere Erkrankung, wenn wir es selber quasi in dieser Hilflosigkeit erlebt haben, mehr zu tun mit dem, was wir durch unser Unternehmen an Möglichkeiten haben.

Liebe Frau Becker, vielen, vielen Dank, dass Sie da waren. Ich nehme ganz viel aus unserem Gespräch mit.

Wieder eine Erkenntnis, die sehr oft in Gesprächen kommt, aber ich glaube, die man nicht oft genug sagen kann, wie wichtig es ist, darüber zu reden und nicht irgendwie Dinge vorzutäuschen, sondern sich tatsächlich einen Ansprechpartner, einen Coach, eine Gruppe, wie auch immer, was zu suchen, um mit diesem Gefühl und auch der Begleitung nicht alleine zu bleiben.

Dann die Verantwortung der Medien. Ich höre da ganz viel raus und freue mich auf das, was noch kommt. Bin gespannt. Und auch genau dieses Thema einfach Vereinbarkeit für pflegende Angehörige. Ich glaube, das ist ein Thema, das wird uns noch viel, viel mehr beschäftigen in den nächsten Jahren mit der älter werdenden Gesellschaft sozusagen.

Wenn Sie den Zuhörenden noch einen Satz mitgeben könnten, welcher wäre das?

Es gibt einen Satz, der hat aber noch nicht mal ganz konkret etwas mit der Demenzerkrankung zu tun, aber das ist so mein Motto, nach dem ich irgendwie jeden Tag intuitiv lebe und der heißt: „Love it, leave it or change it.“ Und ich finde auch in einer besonderen Situation, die mit Krankheit zu tun hat, hat man jeden Tag die Möglichkeit, es anzunehmen, es abzulehnen, aber eben auch es zu verändern. Und das hat mich häufig zu der Erkenntnis gebracht, wenn es dich jetzt so ängstigt und belastet, dann mach was. Dann versuch da irgendwie einen Mehrwert rauszuziehen. Und wenn wir das jetzt tun können mit einer anderen und größeren Sichtbarkeit für die Demenzerkrankung durch unser Medienunternehmen, dann hat das schon alles seinen Sinn und dafür bin ich dankbar.

Danke!

An dieser Stelle möchte ich euch auf ein neues Angebot von Desideria hinweisen. Desideria unterstützt Unternehmen dabei, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege aktiv in ihrer Unternehmenskultur zu verankern. Denn immer mehr Mitarbeitende sind neben ihrem Job auch für die Pflege von Angehörigen verantwortlich. Oft unsichtbar und unter großer Belastung. Mit Impulsvorträgen, Schulungen und Coachingangeboten sensibilisiert Desideria Führungskräfte und Teams für die Herausforderungen von Pflege und Demenz. Ziel ist es, Mitarbeitende in dieser Lebensphase zu stärken, Überforderung vorzubeugen und gleichzeitig Gesundheit und Produktivität im Unternehmen zu erhalten.

Wenn auch ihr Mitarbeitende habt oder seid, die Beruf und Pflege unter einen Hut bringen müssen, schaut gerne in die neue Rubrik Beruf und Pflege. Dort findet ihr konkrete Angebote und Lösungen für Berufstätige und Unternehmen. Alle Informationen und Links findet ihr in den Shownotes.

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Zum Abschluss möchte ich mich noch einmal bei unserem Partner IEA-Medical aus München bedanken. Gerade im herausfordernden Alltag mit Demenz kann es hilfreich sein, Gesundheitsgeräte zu Hause zu haben. Um Insektenstiche schnell und effektiv zu behandeln, empfehle ich euch da den Insektenstichheiler von IEA Medical.

Er bietet schnelle Linderung ohne Medikamente und ohne Chemikalien. Das Gerät ist so klein, dass es auch ganz einfach in die Handtasche passt. Das ist nur ein Beispiel aus dem Sortiment von IEA Medical. Ihr könnt das komplette Angebot in Ruhe im Onlineshop unter www.iea-medical.com kennenlernen. Und wenn ihr euch dort für den Newsletter anmeldet, erhaltet ihr sogar 15% Rabatt auf eure Bestellung. Den Link findet ihr in den Show Notes.

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Das war „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“ heute mit meinem Gast Julia Becker. Vielen Dank, dass Sie da waren!

Ich danke für das schöne Gespräch.

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„Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“

Redaktion Peggy Elfmann.

Produktion Till Wollenweber.

„Leben. Lieben. Pflegen. ist ein Angebot von Desideria. Empfehlt diesen Podcast gerne weiter. Alle Folgen und Informationen findet ihr in den Shownotes, auf www.lebenliebenpflegen.de und auf Instagram unter desideria.ev.

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